
Alarmstufe Rot: Während Wien Erntedank? feiert, ist die Herbsternte in vollem Gange – und auf den Höfen wächst die Verzweiflung
Mit „ALARMSTUFE ROT“ haben wir bereits aufgezeigt, dass das angekündigte Dürrehilfspaket den betroffenen Betrieben zwar auf dem Papier Hilfe verspricht, aktuell aber kein dringend benötigtes Geld auf die Höfe bringt. Daran hat sich bis heute nichts Wesentliches geändert.
Am kommenden Wochenende wird in Wien das ernte.dank.festival gefeiert. Im Mittelpunkt stehen die LEISTUNGEN DER HEIMISCHEN LANDWIRTSCHAFT, REGIONALE LEBENSMITTEL UND DIE BEDEUTUNG DER BAUERN FÜR UNSER LAND.
Doch während man die Leistungen der Bauern feiert, lässt man die Bauern selbst mit ihren Problemen weitgehend allein.
Auf vielen Höfen geht es längst nicht mehr um Symbolik oder Anerkennung, sondern um die Frage, wie Futter, Herbstanbau und laufende Rechnungen überhaupt noch finanziert werden sollen.
WAS GENAU SOLLEN DIESE BAUERN HEUER EIGENTLICH FEIERN?
Die angekündigten Zinszuschüsse zu Betriebsmittelkrediten sind weiterhin nicht konkret umgesetzt – die Banken wissen nicht, wie die staatliche Abwicklung funktionieren soll. Die Sozialversicherungsentlastung bringt den Betrieben finanziell erst Ende Jänner eine Erleichterung.
Futter muss aber heute gekauft werden. Der Herbstanbau muss heute finanziert werden. Rechnungen müssen heute bezahlt werden.
VIELE BETROFFENE BAUERN WISSEN NICHT MEHR, WOHER SIE DAS GELD DAFÜR NEHMEN SOLLEN.
Dabei kann niemand behaupten, die Politik sei nicht gewarnt worden.
Seit Monaten schlagen Bäuerinnen und Bauern auf unterschiedlichste Weise Alarm. Verschiedene bäuerliche Initiativen und Organisationen haben in Parndorf, Wien und Wieselburg demonstriert, öffentlich auf die dramatische Lage hingewiesen, Presseaussendungen veröffentlicht, konkrete Forderungen gestellt und immer wieder Gespräche mit den politisch Verantwortlichen eingefordert.
Und trotzdem fühlen sich die BETROFFENEN VON DER POLITIK NICHT ERNST GENOMMEN – nicht, weil sie zu leise wären, sondern weil offenbar niemand bereit ist, ihnen wirklich zuzuhören.
Für einen Betrieb, der ohnehin mit Ernteausfällen, finanziellen Sorgen und enormer Arbeitsbelastung kämpft, verschärft genau dieses Gefühl die Situation zusätzlich: Man arbeitet weiter, versucht Lösungen zu finden, warnt, demonstriert, sucht das Gespräch – und hat trotzdem das Gefühl, keinen Einfluss mehr auf die eigene Zukunft zu haben.
AUS WIRTSCHAFTLICHEM DRUCK WIRD SO ZUNEHMEND AUCH PERSÖNLICHE VERZWEIFLUNG. Wenn Existenzangst, Überarbeitung, fehlende Planungssicherheit und das Gefühl der Ohnmacht zusammenkommen, bleibt das nicht ohne Folgen.
Wie ernst diese Folgen sein können, zeigen inzwischen auch die Zahlen.
Eine aktuelle österreichische Untersuchung zeigt, dass 19,7 PROZENT DER BEFRAGTEN LANDWIRTE VON SUIZIDGEDANKEN berichteten. Dahinter steht ein Bündel an Belastungen: finanzielle Sorgen, enorme Arbeitszeiten, ständig zunehmende Bürokratie und Kontrollen, fehlende Planungssicherheit sowie politische Rahmenbedingungen, die sich laufend verändern. Investitionen werden oft für Jahrzehnte getätigt – doch was heute politisch gefordert und wirtschaftlich sinnvoll erscheint, kann durch neue Vorgaben morgen zur Schuldenfalle werden.
Dazu kommt bei vielen Betrieben ein EINKOMMEN, DAS TROTZ HOHER ARBEITSLEISTUNG NICHT AUSREICHT, um zusätzliche Arbeitskräfte zu beschäftigen. So wachsen wirtschaftlicher Druck, Überlastung und das Gefühl, der eigenen Situation immer weniger entkommen zu können.
Auch der Blick über die Grenzen ist alarmierend: Die französische Agrarsozialversicherung MSA erfasste allein im Jahr 2016 in der untersuchten Gruppe 529 Suizidtote – rechnerisch mehr als zehn pro Woche. Bei den 15- bis 64-jährigen Versicherten des Agrarsystems lag das Suizidrisiko um 43,2 Prozent über jenem der Vergleichsgruppe. In Bayern stirbt nach einer aktuellen Auswertung durchschnittlich etwa jede Woche ein Landwirt durch Suizid.
Und Österreich?
Ausgerechnet in einem Bereich, in dem beinahe alles dokumentiert, gemeldet und kontrolliert wird, gibt es keine vergleichbar aussagekräftige laufende Statistik darüber, wie viele aktive Bäuerinnen und Bauern jedes Jahr durch Suizid sterben.
Warum eigentlich nicht? Fürchtet man sich vor dem Ergebnis?
Eine Beratungshotline mag gut gemeint sein. Sie beseitigt aber keine Ursachen.
Sie baut keine Bürokratie ab. Sie schafft keine Planungssicherheit. Sie ersetzt keine verdorrte Ernte. Sie bezahlt keine zusätzliche Arbeitskraft. Und sie verschafft keinem existenzbedrohten Betrieb Liquidität.
Die Politik trägt nicht die Verantwortung für jeden einzelnen Suizid. Aber sie trägt Verantwortung für die Rahmenbedingungen, die sie selbst schafft.
Wenn Bauern immer wieder warnen, demonstrieren und um Gespräche bitten – und trotzdem nicht gehört werden –, dann muss die Frage erlaubt sein:
Wie viele Bauern müssen noch zerbrechen, bevor die Politik endlich zuhört?
Unsere Forderungen
Wir fordern deshalb:
* sofortige, zielgerichtete Liquiditätshilfe für tatsächlich dürregeschädigte Betriebe,
* gezielte Hilfe statt Gießkanne – Unterstützung muss dort ankommen, wo der Schaden tatsächlich entstanden ist,
* direkte Gespräche mit betroffenen Bäuerinnen und Bauern, nicht nur mit Funktionären und Institutionen,
* weniger Bürokratie, weniger Kontrollaufwand und mehr Planungssicherheit für langfristige Investitionen,
* eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung in der Gastronomie und bei verarbeiteten Lebensmitteln,
* eine österreichweite Erhebung zu Suiziden in der Landwirtschaft, damit das tatsächliche Ausmaß endlich sichtbar wird,
* kostenlose und niederschwellige Krisenhilfe, die auch außerhalb weniger Vormittagsstunden erreichbar ist.
ALARMSTUFE ROT war keine Übertreibung. Sie war eine WARNUNG. Und solange die angekündigte Hilfe nicht tatsächlich auf den betroffenen Höfen ankommt, bleibt sie bestehen.
Während in Wien die Leistungen der Bauern gefeiert werden, wünschen sich viele Bauern vor allem eines:
Dass man nicht nur ihre Arbeit feiert, sondern endlich auch ihre Probleme ernst nimmt.
AGÖ
Manfred Muhr
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