
Belvedere: Erika Giovanna Klien. Alles ist Bewegung
Eine umfangreiche Personale zeigt das Werk der österreichisch-amerikanischen Künstlerin in seiner gesamten Bandbreite, auch jenseits des kinetistischen Frühwerks
ALS HERAUSRAGENDE VERTRETERIN DES WIENER KINETISMUS ERLANGT ERIKA GIOVANNA KLIEN (1900–1957) FRÜH INTERNATIONALE BEKANNTHEIT. IHRE LEIDENSCHAFT FÜR THEATER UND TANZ FÜHRT ZU INNOVATIVEN BÜHNENBILDENTWÜRFEN UND KOMPLEXEN DARSTELLUNGEN BEWEGTER KÖRPER. AB 1929 LEBT KLIEN IN NEW YORK, WAS SICH IN EINER VERSTÄRKTEN AUSEINANDERSETZUNG MIT URBANEN RÄUMEN UND SOZIALEN FRAGEN MANIFESTIERT. DIE AUSSTELLUNG IM UNTEREN BELVEDERE, 18. SEPTEMBER 2026 BIS 31. JÄNNER 2027, BELEUCHTET ALLE FACETTEN DES OEUVRES DER MALERIN, GRAFIKERIN UND KUNSTPÄDAGOGIN UND PRÄSENTIERT NEUESTE FORSCHUNGSERGEBNISSE ZU LEBEN UND WERK.
Generaldirektorin Stella Rollig: Rund vierzig Jahre nach Erika Giovanna Kliens erster musealer Einzelausstellung eröffnet die Schau einen gegenwärtigen Blick auf die Künstlerin und lädt dazu ein, neue Facetten ihres Schaffens kennenzulernen. Mit der Universität für angewandte Kunst Wien – Kunstsammlung und Archiv sowie dem Istituto Italiano di Studi Germanici in Rom konnten wir zwei kompetente Partnerinstitutionen für dieses Ausstellungsprojekt gewinnen.
Klien gilt als die bedeutendste Vertreterin des Kinetismus, einer in der ersten Hälfte der 1920er-Jahre an der Wiener Kunstgewerbeschule entwickelten abstrakten Kunstrichtung, in deren Fokus die „rhythmische Existenz der Dinge“ steht. Komplexe Bewegungsabläufe fliegender Vögel, rotierender Maschinen oder tanzender Körper verwandeln sich unter Kliens analytischem Blick in virtuose simultanistische Kompositionen. 1929 übersiedelt die Künstlerin nach New York, wo sie ihren Lebensunterhalt als progressive Kunstpädagogin verdient. Spätestens dort entpuppt sie sich als präzise Beobachterin des technischen Fortschritts und der maschinengetriebenen Dynamik der modernen Großstadt, während Wirtschaftskrise und Weltkrieg ihre Sensibilität für soziale Fragen verstärken.
Die Ausstellung präsentiert Kliens OEuvre nicht entlang biografischer Stationen, sondern folgt den zentralen Themen ihres Werks und verdeutlicht, wie die Künstlerin über fast vier Jahrzehnte hinweg ein so stringentes wie vielfältiges und in Ansätzen auch interdisziplinäres Werk geschaffen hat, das vollumfängliche Beachtung und größere Sichtbarkeit verdient, so Kuratorin Verena Gamper.
Kontinuitäten werden in der Personale sichtbar gemacht, wo die Biografie Brüche vermuten lassen würde. So beschäftigt sich Klien zeitlebens mit Theater und Tanz, und auch die Auseinandersetzung mit der kreativen Ausdruckskraft von Kindern zeigt sich als Konstante in ihrem Schaffen. Beharrlich in der Wahl ihrer Themen, aber offen für Impulse aus unterschiedlichen Disziplinen und Kulturen entwickelt Klien ein reichhaltiges und vielgestaltiges Werk – auch jenseits des Kinetismus.
BIOGRAFIE ERIKA GIOVANNA KLIEN
Am 12. April 1900 wird Erika Giovanna Klien in Borgo Valsugana im Trentino als Tochter der Kindergärtnerin Anna Klien und des Bahnhofsvorstehers Franz Klien geboren. Nach mehrfachen Versetzungen des Vaters übersiedelt die Familie 1919 nach Wien. Klien beginnt ihr Studium an der Wiener Kunstgewerbeschule bei Franz Čižek, dessen Klasse für ornamentale Formenlehre die Brutstätte des Wiener Kinetismus ist. Sie entwickelt sich zu einer der berühmtesten Vertreter*innen dieser Kunstrichtung, ihre Werke werden international ausgestellt und von Katherine S. Dreier für ihre Sammlung erworben. Durch die Jahre in Čižeks Umfeld auch kunstpädagogisch geschult, übernimmt Klien 1926 den Kunstunterricht an der Elizabeth-Duncan-Schule in Salzburg/Kleßheim. Nach der Geburt ihres Sohnes Walter, den sie zu Pflegeeltern gibt und der später ein berühmter Pianist werden sollte, übersiedelt Klien 1929 nach New York. Die Hoffnung auf eine Fortsetzung ihrer vielversprechenden Erfolge der ersten Jahre erfüllt sich nur bedingt: Die wirtschaftliche Situation zwingt Klien dazu, ihre Tätigkeit als Kunstpädagogin zu priorisieren, sie unterrichtet teilweise parallel am Stuyvesant Neighborhood House, an der New School for Social Research, an der Dalton School und an der Spence School. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg endet das letzte dieser kunstpädagogischen Engagements, erst 1946 knüpft Klien an der Walt Whitman School wieder daran an. Von Krankheit geschwächt gibt sie 1951 die Tätigkeit als Lehrende auf, und es entsteht ein letzter, Themen der 1930er-Jahre wieder aufgreifender Werkkorpus. Im Sommer 1957 stirbt Erika Giovanna Klien in New York.
Eine Ausstellung des Belvedere, Wien, in Zusammenarbeit mit der Universität für angewandte Kunst Wien – Kunstsammlung und Archiv sowie dem Istituto Italiano di Studi Germanici, Rom.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln.
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