„Mein Kind ist kein Gutachten“

Lebenshilfe Tirol kritisiert den Rechtfertigungsdruck durch Begutachtungen.

Knapp 30 Interessenvertretungen und Sozialorganisationen starteten heute die österreichweite Petition „MEINE WÜRDE. NICHT EUER MISSTRAUEN.“ für faire ärztliche Begutachtungen in Wien. Die Lebenshilfe Tirol macht auf die Folgen für Kinder und ihre Familien aufmerksam: Wenn es um Pflegegeld und Unterstützungsleistungen geht, müssen Eltern die Beeinträchtigung und den Bedarf ihres Kindes oft detailliert darlegen – mitunter wiederholt. Für viele Familien ist das kein neutraler Termin, sondern eine enorme emotionale und organisatorische Belastung.

Judith Rafelsberger, Leitung des Bereichs Kind und Familie der Lebenshilfe Tirol, schildert aus der Praxis, dass Eltern mitunter den Rat erhalten, ihr Kind möglichst „defizitär“ zu schildern, damit ein Angebot bewilligt wird. Die Eltern wollen nicht möglichst viele Leistungen, sondern dass der tatsächliche Bedarf ihres Kindes anerkannt werde. Wenn Familien den Eindruck bekommen, ihr Kind müsse erst „behindert genug“ sein, damit Hilfe gewährt wird, läuft etwas grundsätzlich falsch.

Auch wiederkehrende Begutachtungen setzen Kindern und Eltern zu – besonders dann, wenn sich am Unterstützungsbedarf nichts Wesentliches geändert hat. Gutachten reichen für Anträge mitunter nicht aus, weitere Abklärungen werden nötig oder Empfehlungen aus den Gutachten werden nicht übernommen. Befunde sind für Eltern teilweise schwer verständlich oder werden nicht ausreichend erklärt. So entsteht zusätzlicher Aufwand, während Familien ohnehin mit der Sorge um ihr Kind und dem Alltag stark gefordert sind.

Eine Begutachtung darf nicht dazu führen, dass ein Kind auf Diagnose und Beeinträchtigungsgrad reduziert wird oder seine Familie immer wieder um Anerkennung des Bedarfs kämpfen muss. Die Lebenshilfe Tirol fordert, vorhandene Befunde und die Einschätzungen der Fachpersonen, die das Kind bereits begleiten, ernsthaft einzubeziehen. Bei dauerhaftem, unverändertem Bedarf darf es keine wiederholte Beweisführung in kurzen Abständen geben. Entscheidungen müssen klar begründet, verständlich und respektvoll vermittelt werden.

Die heute startende Petition bündelt österreichweit fünf Forderungen: respektvolle Begutachtungen, die passende fachliche Expertise, weniger wiederholte Beurteilungen bei unverändertem Bedarf, nachvollziehbare Entscheidungen und unabhängige Begutachtungsstellen. Die Petition kann ab sofort auf AUFSTEHN.AT unterzeichnet werden; Erfahrungen und Informationen zur Kampagne finden sich auf MEINEWÜRDE.AT.

Lebenshilfe Tirol
E-Mail: redaktion@lebenshilfe.tirol

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