
„Keine Demokratie ohne Diversität“: Zukunftsfähiger Journalismus in polarisierenden Zeiten
Kongress der Medienfrauen 2026 beim Hessischen Rundfunk (FOTO)
MEHR NÄHE UND EINORDNUNG, MEHR VIELFALT UND DIVERSITÄTSBEWUSSTSEIN IN DEN FÜHRUNGSSTRUKTUREN DER SENDER UND ÜBERALL MEHR MUT, NEUE WEGE AUSZUPROBIEREN: SO KÖNNEN MEDIEN VERTRAUEN ZURÜCKGEWINNEN, RELEVANT BLEIBEN UND DIE DEMOKRATIE STÄRKEN. DIES IST DER APPELL AN DIE RUNDFUNKANSTALTEN BEIM 48. KONGRESS DER MEDIENFRAUEN DER ÖFFENTLICH-RECHTLICHEN RUNDFUNKANSTALTEN AM 25. UND 26. SEPTEMBER, ZU DEM DER HESSISCHE RUNDFUNK (HR) NACH FRANKFURT EINGELADEN HATTE. DAS MOTTO LAUTETE: „KEINE DEMOKRATIE OHNE DIVERSITÄT“.
„Wie können wir als Medienschaffende mit unserer Berichterstattung am Erhalt der Demokratie mitwirken?“ So formulierte die Journalistin Marieke Reimann auf dem Podium die zentrale Frage in den Diskussionen und Debatten beim 48. Kongress der Medienfrauen am 25. und 26. September im Hessischen Rundfunk in Frankfurt am Main. Unter dem Motto „Keine Demokratie ohne Diversität“ trafen und besprachen sich darüber rund 350 Journalistinnen, Medienschaffende und Mitarbeiterinnen verschiedenster Bereiche der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, reflektierten und vertieften Aspekte in 24 Workshops.
MEDIEN MÜSSEN DEMOKRATIE STÄRKEN: „DIE WAHRHEIT IST KEINE POLITISCHE PARTEI“
„Die Wahrheit ist keine politische Partei.“Mit diesem Ausruf beschrieb die Publizistin Marina Weisband im prominent besetzten Eröffnungspanel die Herausforderungen der Medien und die Krux mit der vermeintlichen Neutralität in demokratiegefährdenden Zeiten. „Medien sind absolut unumstößlich wichtig für eine funktionierende Demokratie, aber Medien haben Mechanismen, die es schaffen können, eine Demokratie zu Fall zu bringen.“ Medienschaffende seien Teil einer Aufmerksamkeitsökonomie – klassische Medien konkurrieren mit Content-Creatoren, Influencern, Streamern und Plattform-Algorithmen -, getrieben durch eine Empörungslogik sowie die Konzentration auf Ereignis- statt Prozessberichterstattung und ökonomische Zwänge in den Medienhäusern. Dies erschwere es, Sachzusammenhänge genauer zu beleuchten und aufzuzeigen, wie sich Ereignisse konkret auf das Leben von Menschen, von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, auswirken. So komme es zu einer systematischen Verzerrung ins Negative und Radikale. „Wenn der Name Trump oder Putin in der Überschrift steht, dann klickt es besser und das ist furchtbar. Denn Terrorist tötet 20 Menschen, ist eine Nachricht, aber Ärztin rettet 20 Menschen das Leben ist keine Nachricht.“ Marina Weisband warnte: „Wenn wir als Medien vor allem dann gelesen oder geschaut werden, wenn wir schlechtreden, wenn wir das Negative herausstellen – was unsere Arbeit ist -, dann führt es auch dazu, dass wir jede demokratische Regierung ausführlich beleuchten in dem, was sie nicht leistet, was sie nicht schafft, wo sie versagt und sehr wenig, wo sie leistet, wo sie Dinge schafft und wo Demokratie funktioniert. Und das ist fatal für ein Vertrauen in eine demokratisch gewählte Repräsentation.“ Neutralität, so Marina Weisband, könne es zudem nicht geben, wenn es um die Pole Demokratie oder Radikalismus, Wahrheit oder Populismus mit Fake-News gehe: „Die Wahrheit ist keine politische Partei.“
VERANTWORTUNG DES JOURNALISMUS IN POLARISIERTEN ZEITEN
Journalistin Marieke Reimann, bis 2024 stellvertretende SWR-Chefredakteurin und damit jüngste und erste ostdeutsche Chefredakteurin im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, kritisierte die stereotype und unzureichende Darstellungen gesellschaftlicher Gruppen: „Verantwortung hat auch mit Repräsentation zu tun.“ Die öffentlich-rechtlichen Medien müssten die Menschen, die sie gezielt ansprechen wollten und die ihnen sonst als Publikum verloren gingen, in den Programmen viel stärker abbilden. In Zeiten wachsender Polarisierung und zunehmender Angriffe auf Medienschaffende forderte Marieke Reimann die Medienhäuser auf, den Wert freier und unabhängiger Medien offensiver zu vertreten: „Wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit, dass man noch mal klarmacht, was für eine Errungenschaft der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist!“
DIVERSITÄT BRAUCHT STRUKTUREN STATT SYMBOLIK
Angesichts einer zunehmend vielfältigen Gesellschaft sei Diversität eine Zukunftsfrage für Medienunternehmen, so Elena Kountidou vom Verein „Neue deutsche Medienmacher*innen“: „Wenn wir diesen Menschen keine Angebote machen, ihre Ängste, ihre Sorgen, ihre Lebensrealität nicht darstellen, verlieren wir nicht nur an Publikum, an Vertrauen, sondern auch an Relevanz.“ Die Gesellschaft verändere sich schneller als die Rundfunkhäuser und deren zu wenig divers besetzten Machtstrukturen. Sie warnte davor, Diversität auf symbolische Maßnahmen zu reduzieren. Saraya Gomis vom Migrationsrat Berlin lenkte dabei den Blick auf die Verwaltung. Diese fungiere als demokratische Infrastruktur, die richtungsweisende Entscheidungen für Diversität fällen könne: „Die Verwaltung ist unser Maschinenraum.“ hr-Programmdirektorin Julia Krittian und hr-Chefredakteurin Sandra Tzschaschel reflektierten im Anschluss die Analysen.
Das Leitmotiv der Diskussion: Medienhäuser, Verwaltungen und gesellschaftliche Institutionen müssten mutiger werden, Verantwortung übernehmen und Räume für Vielfalt schaffen. Strukturelle Veränderungen sowie eine offene Fehlerkultur wurden als Voraussetzungen für eine demokratische und vielfältige Öffentlichkeit benannt.
MEHR NÄHE, MEHR KONTEXT, MEHR WISSEN – RECHTE NARRATIVE ENTLARVEN
„Journalismus unter Druck – und nun?“ lautete der Impuls von Medienwissenschaftlerin Anna von Garmissen, mit dem das zweite Panel „Zukunftsfähiger Journalismus“ startete. Im Anschluss diskutierten Anna von Garmissen, „Zeit“-Journalistin Alisa Schellenberg, die Podcasterin und Newsletter-Autorin Sham Jaff („What happend last week“) und Maria Timtschenko, Autorin des Newsletters „Wie Rechte reden“, über neue Wege und Formate, um Vertrauen in die etablierten Medien zu stärken, Perspektivenvielfalt abzubilden und journalistische Relevanz zu sichern. „Die Ressourcen nehmen ab, aber die Anforderungen nehmen zu“, sagte von Garmissen. So gehöre die Bekämpfung von Desinformation inzwischen zu den wichtigsten Aufgaben von Journalistinnen und Journalisten. Das Fazit dieser Runde: Wer Menschen zuhört, entdecke Themen aus anderen Lebenswelten, die in politischen Debatten kaum vorkommen. Es brauche mehr Kontext und Verbindung schaffende Zugänge statt alter Klischees. Und, so Maria Timtschenko: Redaktionen benötigten dringend Wissen über Strategien, Narrative und Kommunikationsweisen der extremen Rechten, um diese besser entlarven zu können.
RESOLUTION: MEDIENSCHAFFENDE STÄRKER SCHÜTZEN
Gemeinsam verabschiedeten die Gleichstellungskonferenz und der Kongress der Medienfrauen eine Resolution. Aufgrund der besonderen Gefährdungslagen von Medienschaffenden, besonders von Journalistinnen, fordern sie die Intendantinnen und Intendanten ihrer Medienhäuser auf, dem „Schutzkodex für Journalist*innen“ beizutreten und diesen umzusetzen.
_NÄCHSTER KONGRESS IN KÖLN_
_Der „Kongress der Medienfrauen“ setzt sich seit 1978 mit Fragen der Gleichstellung, gesellschaftlichen Teilhabe und der Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auseinander. Der Hessische Rundfunk (hr) war zum fünften Mal Gastgeber des „Kongresses der Medienfrauen“ (früher „Herbsttreffen der Medienfrauen“). An der jährlichen Tagung nehmen Medienfrauen teil, die für die Rundfunkanstalten der ARD und für das ZDF sowie der gemeinsam betriebenen Programme sowie für Deutschlandradio, Deutscher Welle (DW), für den Österreichischen Rundfunk (ORF) oder die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) arbeiten. Der nächste Kongress der Medienfrauen wird vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) organisiert und findet am 24. und 25. September 2027 in Köln statt._
_Die Resolution im Wortlaut, ein Rückblick auf den Kongress sowie die Mitschnitte der Podiumsdiskussionen und des Konzerts gibt es auf hr.de: Kongress der Medienfrauen | hr.de (Die Mitschnitte stehen dort voraussichtlich ab 5.10. zur Verfügung)._
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