
„Rechte statt Almosen!“ 100 Jahre Behindertenbewegung in Österreich
Ausstellung im Haus der Geschichte Österreich erinnert ausgehend von der Zwischenkriegszeit an die lange Geschichte des Kampfes für Selbstvertretung und Rechte
Menschen mit Behinderungen kämpfen in Österreich seit 100 Jahren für Selbstbestimmung, Rechte und gesellschaftliche Teilhabe. Die im Haus der Geschichte Österreich (hdgö) präsentierte Ausstellung macht die Geschichte der Behindertenbewegung aus der Zwischenkriegszeit sichtbar. Sie ist dort bis 11. November 2026 zu sehen.
Am 19. August 1926 gründeten Menschen mit Behinderungen in Wien die ERSTE ÖSTERREICHISCHE KRÜPPELARBEITSGEMEINSCHAFT. Sie wollten nicht als Objekte von Fürsorge und Mitleid behandelt werden, sondern ihre Interessen selbst vertreten. Ihr Motto lautete: „ARBEIT, NICHT MITLEID! ARBEIT, NICHT SIECHENHAUS!“ Sie forderten unter anderem Zugang zu Arbeit, Bildung, medizinischer Versorgung und Hilfsmitteln sowie eine ausreichende soziale Absicherung.
„IM ZUGE DES GESELLSCHAFTLICHEN AUFBRUCHS NACH DEM ERSTEN WELTKRIEG BEGANNEN AUCH MENSCHEN MIT BEHINDERUNGEN, SICH ZU ORGANISIEREN. GEMEINSAM REFLEKTIERTEN SIE ÜBER DIE URSACHEN IHRER RANDSTÄNDIGEN SITUATION UND FORDERTEN MITSPRACHE BEI DER LÖSUNG IHRER PROBLEME“, sagt Dr. ANGELA WEGSCHEIDER, Mitinitiatorin des Forschungsprojekts und Kuratorin der Ausstellung.
Die Ausstellung entstand im Rahmen des Forschungsprojekts „100 JAHRE BEHINDERTENBEWEGUNG IN ÖSTERREICH“ von VOLKER SCHÖNWIESE UND ANGELA WEGSCHEIDER. Sie gibt Einblick in die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderungen in der Zwischenkriegszeit und zeigt die vielfältigen Formen ihrer Selbsthilfe und politischen Interessenvertretung. Die Ausstellung thematisiert auch die Zerschlagung der Bewegung während des Nationalsozialismus und den schwierigen Neubeginn nach 1945.
„VON ANFANG AN GING ES UM SELBSTBESTIMMUNG UND MENSCHENRECHTE. DER AUSTROFASCHISMUS SCHRÄNKTE ALLE HOFFNUNGEN DARAUF EIN, DIE NATIONALSOZIALISTEN RICHTETEN DIESE FRÜHE EMANZIPATIONSBEWEGUNG VÖLLIG ZU GRUNDE“, erklärt VOLKER SCHÖNWIESE, Universitätsprofessor in Pension und Initiator des Forschungsprojekts.
Für KURT G. BECK, Angehöriger von Aktivist*innen der ersten Behindertenbewegung, hat die Ausstellung auch eine persönliche Bedeutung: „DIE MENSCHEN, DIE DAMALS AKTIV WAREN, SIND HEUTE KAUM BEKANNT. DIE GESELLSCHAFTLICHEN ZUSTÄNDE BZW. UMSTÄNDE WAREN FRÜHER GANZ ANDERS UND AUCH SEHR HART UND SCHWER.“
Auch MARTIN LADSTÄTTER, Vizepräsident des Österreichischen Behindertenrates und Journalist, kritisiert die fehlende öffentliche Wahrnehmung der Geschichte von Menschen mit Behinderungen: „DIE AUSSTELLUNG ERINNERT DARAN, WIE WENIG WIR ÜBER DIESE FRÜHE BEHINDERTENBEWEGUNG WISSEN. DIE GESCHICHTE ZU KENNEN ERMÖGLICHT UNS, AUS DEN ERFAHRUNGEN DER VERGANGENHEIT ZU LERNEN.“
Für die Anwältin für Gleichbehandlungsfragen für Menschen mit Behinderungen ist die historische Aufarbeitung ein wichtiger Beitrag, sie betont die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. „WER DIE HEUTIGE SITUATION VON MENSCHEN MIT BEHINDERUNGEN VERSTEHEN WILL, MUSS AUCH DIE GESCHICHTE KENNEN. DER BLICK ZURÜCK ZEIGT, WIE UNERMÜDLICH DER KAMPF FÜR GLEICHBERECHTIGUNG UND SELBSTBESTIMMUNG GEFÜHRT WURDE“, so Christine Steger.
Die Ausstellung erzählt dabei nicht nur von Ausgrenzung und Diskriminierung, sondern auch von SOLIDARITÄT, SELBSTORGANISATION UND POLITISCHEM ENGAGEMENT. Sie erinnert daran, dass gesellschaftliche Veränderungen von Menschen mit Behinderungen selbst mitgestaltet und eingefordert wurden.
AUSSTELLUNG „RECHTE STATT ALMOSEN! DIE BEHINDERTENBEWEGUNG IN DER ZWISCHENKRIEGSZEIT“
ERÖFFNUNG: Dienstag, 29. September 2026, 18:30 Uhr
Anwältin für Gleichbehandlungsfragen für Menschen mit Behinderungen
Mag.a Christine Steger
Telefon: 066478761504
E-Mail: office@behindertenanwaltschaft.gv.at
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