
ÖÄK zum Welttag der psychischen Gesundheit: frühzeitige Prävention und Stärkung der psychiatrischen Versorgung gefordert
Auch Einsamkeit und deren oft gefährliche Folgeerkrankungen können durch psychosoziale Vorsorge verhindert werden
„Psychische Erkrankungen sind längst keine Randerscheinung mehr und reichen weit in unsere Gesellschaft hinein, weshalb psychische Gesundheit viel stärker in den Fokus rücken sollte. Prävention muss frühzeitig beginnen und die psychiatrische Versorgungslage verbessert werden“, fordert Johannes Steinhart, Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), anlässlich des Welttages der psychischen Gesundheit am 10. Oktober. „Ein sehr bedeutsamer Risikofaktor für die mentale wie auch körperliche Gesundheit ist inzwischen die Einsamkeit, unter der immer mehr Menschen leiden.“ Einsamkeit und soziale Isolation könnten nicht nur emotional sehr belastend werden, sie gefährdeten auch die Gesundheit generell: „Angststörungen und Depressionen können zu Schlafstörungen, falscher Ernährung oder Bewegungsmangel führen, was Krankheiten wie Schlaganfall und Herzinfarkt oder bestimmte Krebsformen begünstigen kann.“
Zwtl.: Psychische Krankheiten sind längst kein „Orchideen-Thema“ mehr
Psychische Erkrankungen haben in den vergangenen Jahren weltweit zugenommen und betreffen Menschen aller Altersgruppen – besonders Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Die Ursachen sind vielfältig. „Das bio-psycho-soziale Modell beschreibt das Zusammenspiel biologisch-genetischer, psychologischer und sozialer Faktoren. Entscheidend für den Krankheitsausbruch ist letztlich das Zusammenwirken verschiedener Belastungsfaktoren und ob Schutzmechanismen wie Resilienz dem noch entgegenwirken können“, erklärt Manfred Müller, Bundesfachgruppenobmann für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin. Mit multiplen Krisen würden auch psychische Erkrankungen zunehmen. „Seit der Corona-Pandemie sind Angst- und Panikstörungen sowie Depressionen deutlich angestiegen. Auch Armut und existenzielle Belastungen, etwa durch Teuerung oder Arbeitslosigkeit, können das Erkrankungsrisiko erhöhen“, sagt Müller.
Zwtl.: Einsamkeit als zunehmende Herausforderung
Auch Einsamkeit nehme unter allen Alters- und Gesellschaftsgruppen zu, wobei vor allem auch jüngere Menschen betroffen seien. Hier spiele es eine Rolle, dass – etwa durch die Nutzung von sozialen Medien – virtuelle Kontakte immer häufiger würden, persönliche Begegnungen aber immer seltener. „Reale Beziehungen und Freundschaften können aber nicht durch virtuelle ersetzt werden und müssen daher aktiv gepflegt werden. Auch Menschen mit tausenden Followern können sich einsam fühlen“, betont der Psychiater.
Zwtl.: Prävention muss früh beginnen
Daher sollte Prävention möglichst früh beginnen, idealerweise bereits im Kindes- und Jugendalter, um die Entwicklung psychischer Widerstandsfähigkeit zu fördern. Psychosoziale Gesundheitsvorsorge bedeute auch, stabilisierenden Faktoren wie sozialen Kontakten, realen Begegnungen, Freundschaften, Freizeitgestaltung, Sport und Kreativität mehr Raum zu geben, erklärt Müller. Gleichzeitig gelte es, belastende Entwicklungen früh zu erkennen und bei anhaltenden oder schwerwiegenden Symptomen professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Das Thema Psychische Gesundheit sollte daher stärker in Präventionsprogramme und schulische Lehrpläne integriert werden“, fordern Steinhart und Müller.
Zwtl.: Psychiatrische Versorgung stärken
Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin haben eine Schlüsselfunktion in der Versorgung von psychisch Erkrankten. Seit Jahren bestehe jedoch ein erheblicher Mangel an Kassenpsychiatern sowie an Fachärzten in ambulanten und stationären Einrichtungen. Auch gebe es zu wenige Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung. Erforderlich seien daher gezielte Gegenmaßnahmen wie Anreizmodelle, eine Attraktivierung von Kassenstellen u.v.m., betonen Steinhart und Müller. Auch die 1.500 Ärztinnen und Ärzte aus Fachrichtungen außerhalb der Psychiatrie, die über die Diplome (Psy 1–3) verfügen, müssen in die Finanzierung psychosozialer, psychosomatischer und psychotherapeutischer Leistungen adäquat eingebunden werden“, fordert Steinhart.
„Psychische Erkrankungen betreffen nicht nur die Erkrankten selbst, sondern könnten auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden, etwa wenn Angehörige mit Betreuungsaufgaben belastet werden und die Erkrankung zu ernsten Konflikten oder Beziehungsabbrüchen führt“, sagt Müller. Sich all diesen komplexen Herausforderungen zu stellen, sei nicht nur Aufgabe der Psychiatrie, sondern auch Signal und Auftrag an alle politischen Entscheidungsträger, den Ernst der Lage zu erkennen und den personellen und strukturellen Mängeln in der psychiatrischen Versorgung entgegenzutreten, betonen die Standesvertreter.
Österreichische Ärztekammer/Öffentlichkeitsarbeit
Mag. Ilona Gschmeidler
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