Volksanwalt Achitz: Nur 1 von 5 betroffenen Kindern bekommt Platz in Autismus-Therapiezentrum

„Als ob Österreich pro 1.000 Schulpflichtigen nur Schulen für 200 bauen würde!“ – Kritik an Unterversorgung in Wien und an SV-Selbstverwaltung

Tobias P. ist vier Jahre alt und hat eine kombinierte Entwicklungsstörung und frühkindlichen Autismus. Seine Eltern kämpfen um einen Therapieplatz – bislang jedoch ohne Erfolg. Wenig überraschend, denn in Wien gibt es für vier von fünf betroffenen Kindern keinen Therapieplatz. Für Volksanwalt Bernhard Achitz ist das ein Skandal: „Das ist, als würde die Politik sagen, es gilt Schulpflicht, aber Schulen bauen wir nur für 200 von 1.000 Schüler*innen. Die Länder, in diesem Fall Wien, und die Krankenkassen haben die Pflicht, ausreichend Therapieplätze anzubieten.“ In Wien gibt es nur ein einziges spezialisiertes Therapiezentrum. Er kritisiert die „Selbstverwaltung“ der Sozialversicherung, der das Sparen wichtiger sei als die Anliegen der Versicherten: „Seit nicht mehr die versicherten Arbeitnehmer*innen die Mehrheit in der Selbstverwaltung haben, sondern die selbst nicht betroffenen Arbeitgeber, ergeht sich die SV-Spitze lieber in Phantasien von neuen Selbstbehalten, statt das notwendige Angebot bereitzustellen.“

EINZIGES SPEZIALISIERTES THERAPIEZENTRUM IN WIEN NIMMT NIEMAND MEHR AUF

Die Eltern von Tobias setzen alle Bemühungen, um ihrem Sohn eine ausreichende Therapie, vor allem Ergo- und Logopädie, zukommen zu lassen. Alle Versuche, einen kassenfinanzierten Therapieplatz zu bekommen, waren jedoch erfolglos. Etwa bei einem spezialisierten Ambulatorium der Organisation VKKJ (Verantwortung und Kompetenz für besondere Kinder und Jugendliche), die Therapiezentren in Wien und Niederösterreich betreibt. Das Ambulatorium Sonnwendviertel im 10 Bezirk nimmt derzeit gar keine neuen Patient*innen auf, und bei Freiwerden von Kapazitäten werden nur Kinder aus dem 3., 4. oder 10. Bezirk aufgenommen. Familie P. wohnt aber woanders.

EIN GROSSTEIL DER KINDER MIT DER DIAGNOSE AUTISMUS-SPEKTRUM-STÖRUNG BLEIBT UNVERSORGT

In Wien herrscht ein akuter Versorgungsnotstand für Kinder wie Tobias. Laut Expert*innen wird nur etwa jedes fünfte Kind im Autismusspektrum in Wien entsprechend gefördert. Ein Großteil der Kinder mit der Diagnose Autismus-Spektrum-Störung bleibt also unversorgt, obwohl sie so früh wie möglich eine kontinuierliche therapeutische Unterstützung bräuchten, um in ihrer Entwicklung nicht noch weiter ins Hintertreffen zu geraten. Die Familie von Tobias P. wandte sich an Volksanwalt Bernhard Achitz. Er konfrontierte sowohl die Stadt Wien als auch die zuständigen Krankenkassen ÖGK und BVAEB mit dem Problem. Dort ist man sich des Problems bewusst, sieht die Hauptzuständigkeit aber beim jeweils anderen. Wien ist bereit, mitzuzahlen, wenn die Kassen Ambulanzen aufbauen. Die Kassen verweisen darauf, dass es Kassenverträge mit Ergo- und Logopäd*innen gäbe, zu denen die Betroffenen gehen können. Aber zu wenige seien bereit, einen Kassenvertrag abzuschließen.

DIE BETROFFENEN KINDER HABEN EINEN ANSPRUCH AUF EINEN THERAPIEPLATZ

Volksanwalt Achitz machte die Unterversorgung auch in der ORF-Sendung „Bürgeranwalt“ am 31. Oktober zum Thema und nimmt Wien, ÖGK und BVAEB in die Pflicht: „Die betroffenen Kinder haben einen Anspruch auf einen Therapieplatz, aber sowohl die Länder als auch die Krankenkassen tun zu wenig. Die bestmögliche Versorgung liegt in deren gemeinsamer Verantwortung. Auch die UN-Behindertenrechtskonvention erfordert das. Wenn man zu wenig Therapeut*innen findet, muss man vielleicht auch deren Bezahlung überdenken.“

Florian Kräftner
Mediensprecher im Büro von
Volksanwalt Mag. Bernhard Achitz
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E-Mail: florian.kraeftner@volksanwaltschaft.gv.at
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