TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Hoffen auf den Lerneffekt“, von Benedikt Mair

Ausgabe vom Dienstag, 21. Oktober 2020

Innsbruck (OTS) – Nicht zum ersten Mal stoßen Corona-Maßnahmen im Bildungsbereich den Lehrern, Eltern oder Schülern sauer auf. Hauptsächlich, weil sie in Entscheidungsprozesse wenig eingebunden werden. Das muss sich schleunigst ändern.

Der Gegenwind war enorm. Nachdem Tirols Landeshauptmann am vergangenen Donnerstag verkündete, als Mittel gegen die Ausbreitung des Coronavirus auch neue und einschneidende Maßnahmen für Oberstufenschüler zu erlassen, und knapp 25.000 von ihnen in den Heimunterricht verbannte, stiegen zahlreiche Betroffene auf die Barrikaden. Offene Briefe, wütende Wortmeldungen in sozialen Netzwerken und nicht zuletzt eine Demonstration mit rund 100 Teilnehmern am Montag vor dem Landhaus sind Ausdruck des Unmuts über den Umgang mit den Schulen seit Beginn der Pandemie. Und im besten Fall ein Denkzettel.
Nicht zum ersten Mal stoßen im Bildungsbereich getroffene Corona-Maßnahmen den Lehrern, Eltern und Schülern sauer auf. Hauptsächlich deshalb, weil sie in Entscheidungsprozesse wenig bis gar nicht eingebunden werden, mahnende Worte verhallen und sie sich von Politik und Behörden nicht ernst genommen fühlen – sei es mit Einwänden bei neuen Regeln oder Zukunftsängsten. Christoph Drexler, Präsident des Landeselternverbands, nannte „das Gefühl, dass drübergefahren wurde“, als Auslöser für die lautstarken Proteste der vergangenen Tage. Das muss sich schleunigst ändern.
Dass Warnungen von Schüler- oder Elternvertretern oft im Sand verlaufen, zeigt unter anderem auch die Situation in den öffentlichen Verkehrsmitteln früh am Morgen. Seit Wochen gibt es Kritik an überfüllten Bussen oder Zügen. Geändert hat sich wenig, wirklich gebessert schon gar nicht. Warum Oberstufenschülern zum einen der Präsenzunterricht verwehrt wird, zum anderen Kinder und Schüler eingepfercht wie Sardinen den Schulweg antreten müssen, kann niemand erklären.
Ein Lichtblick für die Interessenvertreter der Jugendlichen, Eltern und Lehrer ist die Tatsache, dass sie gestern zu einem klärenden Gespräch mit Bildungslandesrätin und Bildungsdirektion geladen wurden – kurzfristig, die Einladung erging am Vorabend, aber immerhin. Der Widerstand hat Wirkung gezeigt. Und wenngleich die von den Verantwortlichen beim Bildungsgipfel gemachten Zugeständnisse unter den Erwartungen lagen: Die Ankündigung des Tiroler Bildungsdirektors Paul Gappmaier, solche Zusammenkünfte in Zukunft regelmäßig abhalten zu wollen, lässt auf einen Lerneffekt hoffen. Zumindest die Stimmen jener, die direkt die Auswirkungen der getroffenen Maßnahmen und erlassenen Verordnungen zu spüren bekommen, müssen mehr Gehör finden.

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