TIROLER TAGESZEITUNG „Leitartikel“ vom 20. April 2021 von Gabriele Starck „Der schwarz-grüne Rollentausch“

Innsbruck (OTS) – Zerstritten und führungsschwach die Regierungspartei, einig und energiegeladen die kleinste Opposition im Bundestag. Die Bilder, die CDU/CSU und Bündnis 90/Die Grünen in Deutschland derzeit abgeben, wirken wie ausgetauscht.

Die Blamage ist perfekt. Die einst gespaltenen und notorisch streitenden Grünen haben der CDU/CSU vorgemacht, wie ein Wahlkampfauftakt hinzulegen ist. Der Auftritt der beiden Parteivorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck war wie ein Hollywood-Happyend gleich zum Filmstart – Einigkeit, gegenseitige Wertschätzung und unterstützende Worte desjenigen, der verzichtet. Das Gegenteil von all dem, was die Union seit mehr als einer Woche der Öffentlichkeit zumutet.
Es ist die erste Kanzlerkandidatur, die die deutsche Öko-Partei gestern erklärt hat, und es ist auch das erste Mal, dass bei den Grünen eine Personalie fern der Gremien und Basis bestimmt wurde. Ein vor wenigen Jahren noch unvorstellbarer Vorgang.
Doch Baerbock und Habeck haben in den drei Jahren, in denen sie nun an der Spitze stehen, maßgeblich dazu beigetragen, dass die Partei erwachsen wurde. Diskussionen zwischen Fundis und Realos werden nach wie vor geführt, aber sie übertönen nicht mehr die gemeinsamen übergeordneten Ziele eines klima- und menschenfreundlichen Deutschlands.
Auch war die Festlegung auf Baerbock keine Horuck-Entscheidung, wie sie das bei der Union wegen der ewigen Taktiererei von CSU-Chef Markus Söder nun wurde. Die beiden Grünen-Vorsitzenden haben schon vor Langem klargemacht, dass sie beide wollen und bereit sind. Und entschieden haben die beiden gemeinsam, und doch allein – nämlich fernab von Flügelkämpfen, Zurufen oder aktuellen Umfragen. Diese nämlich sähen Strahlemann Habeck leicht im Vorteil. Doch die anfangs unterschätzte Baerbock ist inzwischen aus Habecks Schatten herausgetreten, verblüfft eigene Leute wie auch die Konkurrenz immer wieder durch Willensstärke, Konsequenz und Kompetenz in der Sache. Ganz anders die Union. Die Chefs von CDU und CSU, Armin Laschet und Söder, sind mit ihrer Ankündigung, es bis zum Ende vergangener Woche unter sich auszumachen, kläglich gescheitert. Söder sieht die für ihn besseren Umfragewerte als einziges Kriterium.
Es ist gut möglich, dass die Grünen gestern die künftige Vizekanzlerin präsentiert haben. Das allerdings nur dann, wenn sich CDU und CSU kräftig am Riemen reißen, die Selbstzerfleischung beenden und wieder zu regieren beginnen. Gelingt ihnen das nicht, dürfte es nämlich auch zu einem Rollentausch im Kanzleramt kommen.
Die Nachfolgerin von Angela Merkel hieße dann Annalena Baerbock. Und die Union könnte sich sogar auf der Oppositionsbank wiederfinden.

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