Diskussion am EU-Gipfel zeigt: Aufhebung des Patentschutzes bringt keine unmittelbare Verbesserung bei der Versorgung mit Impfstoffen

Verzicht auf Exportverbote und Unterstützung von Kooperationen in der Pharmaindustrie zielführender, um rasche Ausweitung der Produktion zu ermöglichen

Wien (OTS) – Die von den USA angestoßene Diskussion rund um die Aufhebung des Patentschutzes für COVID-19-Impfstoffe ist aus Sicht der chemischen Industrie kontraproduktiv. Dies zeigte sich auch beim informellen EU-Gipfel in Porto, bei dem viele politisch Verantwortliche in Europa ihre Skepsis darüber äußerten, dass eine Aufhebung des Patentschutzes rasch zu einer globalen Durchimpfung führen wird. Die derzeit zugelassenen Vakzine bestehen aus mehreren hundert Komponenten, die in einem aufwändigen Prozess von spezifisch ausgebildetem Fachpersonal an unterschiedlichen Standorten hergestellt werden. Dafür ist die Kooperation eines weltweiten Netzes von Unternehmen nötig, die sich auf spezifische Pharmaprodukte spezialisiert haben. „Es ist ein Irrglaube, dass moderne Impfstoffe in einem Labor nach einer einfachen Blaupause nachgebaut werden können und so rasch die Produktion vervielfacht werden kann“, so Ilse Bartenstein, Obfrau des Pharmaausschusses des Fachverbands der Chemischen Industrie Österreichs (FCIO). Insbesondere bei den komplexen mRNA-Vakzinen ist es äußerst unwahrscheinlich, dass diese in Ländern ohne entsprechende Infrastruktur produziert werden können. Zudem besteht die Gefahr, dass es bei Versuchen durch mangelndes Knowhow und nicht ausreichende Sicherheitsstandards zu Qualitätsverlusten bei den Impfstoffen kommen würde. Die Aufhebung des Patentschutzes würde daher in absehbarer Zeit zu keiner Verbesserung der Versorgung führen. Im Gegenteil: Bei den bestehenden, mühsam aufgebauten Lieferketten würde Planungssicherheit verloren gehen und entsprechende Investitionen würden zurückgestellt werden müssen. Zielführender wäre es, die bereits von der Pharmaindustrie gewählte Strategie des Ausbaus bestehender Produktionsstätten sowie die Steigerung der Produktion durch Kooperationen und Lizenzierungen zu unterstützen. „Die Ausweitung der Kapazitäten bei behördlich geprüften Produzenten, die ihre Impfstoffe in aufwändigen Prozessen zur Zulassung gebracht haben und bringen, sowie ihren Zulieferern, ist der sicherste Weg, qualitativ einwandfreie Vakzine für die ganze Welt herzustellen“, appelliert Sylvia Hofinger, Geschäftsführerin des FCIO, auf die Expertise der Unternehmen zu vertrauen, die hochkomplexe, wirksame COVID-Impfstoffe erforscht und damit überhaupt erst möglich gemacht haben.

Handelsbarrieren abbauen, Lieferketten stärken

Der Patentschutz ist einer der Schlüssel für die unglaublich schnelle Erforschung von mehreren, hochwirksamen Vakzinen, die in weniger als einem Jahr entwickelt wurden. Dieses Erfolgsmodell bei lebenswichtigen Innovationen in Frage zu stellen, könnte zu negativen Konsequenzen bei der Erforschung zukünftiger Therapien und Arzneimittel führen. Zusätzlich kann die Aufhebung von Patenten auch nicht die Verteilungsfrage, das Hauptproblem der unterschiedlichen globalen Belieferung, beheben. Die politisch Verantwortlichen sollten sich stattdessen auf die Ursachen ungleicher Verteilung fokussieren. Vor allem die Reduktion von Handelshemmnissen könnte das Problem der bisherigen Konzentration von Impfstoffen in einigen Ländern mildern, weshalb hochrangige Vertreter der EU auf dem Gipfel die internationalen Partner ermunterten, den Export von Corona-Impfstoffen zu erleichtern. Allen voran die USA, die jetzt für die Abschaffung des Patentschutzes plädieren, bevorzugten mit Exportverboten ihre Bevölkerung gegenüber dem Rest der Welt. Ganz im Gegensatz zur EU, wo der Großteil aller Vakzine hergestellt wird. Aus Europa wurden bisher beinahe so viele Impfdosen exportiert, wie an die eigene Bevölkerung verimpft wurden. In der EU gab es bisher auch die größten Produktionssteigerungen, die durch die freiwillige Kooperation verschiedener Produzenten der Pharmabranche möglich war. „Die Abschaffung von Handelshemmnissen, die Stärkung und Absicherung der Lieferketten für Vorprodukte sowie die Unterstützung kollaborativer Partnerschaften zwischen den Herstellern sollte auf der Agenda der Politik stehen, wenn wir weiterhin erfolgreich die globale Pandemie bekämpfen wollen. Nicht die Aufweichung des Patentschutzes“, Bartenstein abschließend.

Über den FCIO:

Der Fachverband der Chemischen Industrie Österreichs (FCIO) ist die gesetzliche Interessenvertretung der chemischen Industrie in Österreich. Derzeit vertritt der Verband mehr als 230 Unternehmen aus der chemischen Industrie, welche neben der Kunststoff- und Pharmaindustrie auch die Produktion von organischen und anorganischen Chemikalien, industriell hergestellte Fasern und Lacken umfassen. Etwa 47.000 Beschäftigte in der chemischen Industrie haben 2020 Waren im Wert von über 15 Milliarden Euro hergestellt. Der FCIO setzt sich für einen ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltigen und attraktiven Chemiestandort Österreich mit einem forschungs- und technologiefreundlichen Umfeld ein, in dem die chemische Industrie mit ihrer Innovationskraft Lösungen für die zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen entwickeln und liefern kann. [www.fcio.at] (http://www.fcio.at)

FCIO Fachverband der Chemischen Industrie Österreichs
Mag. Andreas Besenböck, MA
+43(0)5 90 900-3372
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www.fcio.at

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