
TIROLER TAGESZEITUNG „Leitartikel“ vom 6. Oktober 2021 von Peter Nindler „Systematische Vertuschung“
Innsbruck (OTS) – Die katholische Kirche muss sich endlich ohne Tabus ihrer Verantwortung bei der Aufarbeitung von Missbrauch durch Kleriker stellen. Frankreich reißt sie noch tiefer in den Missbrauchsstrudel, die Bischofssynode wäre eine Chance dafür. Wohl die letzte.
Wenn Papst Franziskus am Sonntag einen auf zwei Jahre angelegten Diskussionsprozess für die Bischofssynode 2023 startet, kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass die katholische Kirche nach wie vor in einem Missbrauchsstrudel gefangen ist. Jetzt hat er die französische Kirche erfasst, die zu den traditions- und einflussreichsten in Europa zählt. Auf 2500 Seiten wird die „Schande für die Menschlichkeit“, wie es das Missbrauchsopfer und Gründer der Opfervereinigung „La Parole Libérée“ Francois Devaux drastisch ausdrückt, erschütternde Gewissheit. Mehr als 330.000 Kinder und Jugendliche wurden seit 1950 Opfer von sexuellem Missbrauch.
Die systematische Vertuschung durch Bischöfe und Kardinäle rächt sich, die Kirche schlittert immer tiefer in eine Vertrauens- und Glaubwürdigkeitskrise. Rom gelang bisher kein Befreiungsschlag, denn dafür wäre absolute Transparenz im Umgang mit Missbrauchsvorwürfen notwendig. Im Gegenteil: In regelmäßigen Abständen wird die Öffentlichkeit mit bekannten Mustern von Missbrauchsskandalen von Geistlichen konfrontiert, die bis hinauf in die Spitze des Klerus reichen.
So hat das „Kölner Missbrauchsgutachten“ heuer in Deutschland ein Erdbeben ausgelöst. Die Kirchenoberen im Erzbistum Köln schauten über Jahre einfach weg und haben es verabsäumt, bei Bekanntwerden von zigfacher sexualisierter Gewalt Verfahren gegen die Täter anzustrengen. Kardinal Rainer Maria Woelki sieht sich seither mit Rücktrittsaufforderungen konfrontiert, den der ehemalige Generalvikar und nunmehrige Erzbischof von Hamburg Stefan Heße bereits eingereicht hat. Deutschlandweit wurden laut Personalakten zwischen 1946 und 2014 rund 1670 Kleriker des sexuellen Missbrauchs beschuldigt.
In Kanada schockiert der jahrzehntelange Missbrauch von indigenen Kindern in kirchlichen Internaten. Mit den Vorwürfen gegen Kardinal Hans Hermann Groër begann in Österreich bereits 1995 ein langer Karfreitag für die Kirche, 2010 wurde sie mit voller Wucht vom Missbrauch in ihren Institutionen und Heimen getroffen. Auch die Diözese Innsbruck. Mit der Aufarbeitung ist Österreich schon ein großes Stück weiter, aber noch lange nicht fertig. Die Schatten bleiben und belasten, 2600 Opfer wurden entschädigt.
Franziskus muss endlich ein klares Zeichen gegen die sexuellen Verbrechen im Geheimen setzen. Nicht zaudern. Schließlich hätte das kirchliche Prinzip des Gehorsams diese massiv begünstigt, heißt es im bedrückenden Bericht der französischen Untersuchungskommission. Der Handlungsauftrag liegt klar am Tisch, die Bischofssynode steht bevor. Davonstehlen wäre nämlich der nächste Skandal.
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