
TIROLER TAGESZEITUNG „Leitartikel“ vom 19. November 2021 von Michael Sprenger „Sehenden Auges“
Innsbruck (OTS) – Wir haben die Pandemie nicht gemeistert. Ganz im Gegenteil. Die Intensivstationen stehen vor dem Kollaps.
Ein erneuter Lockdown scheint unvermeidlich zu sein. Ebenso eine Debatte über die Einführung einer Impfpflicht.
Wieder wird ein Lockdown kommen. Sicher in Salzburg und Oberösterreich, wahrscheinlich aber bundesweit. So oder so: Es ist eine Zumutung. Wieder werden sich jene Menschen bestraft vorkommen, die sich in den vergangenen Monaten der Vernunft entsprechend verhalten haben – und diese gibt es zuhauf unter Geimpften und auch unter den Ungeimpften.
Doch die dramatische Situation auf den Intensivstationen lässt wohl keinen anderen Ausweg zu. Hätten die politisch Verantwortlichen solch einen Einschnitt nicht schon längst verordnen sollen? Ja. Wurden in den vergangenen Monaten notwendige Vorkehrungen getroffen, um diese Eskalationsstufe zu verhindern? Nein. Wurde die Bevölkerung von Sebastian Kurz abwärts mit falschen Versprechungen abgespeist. Ja! Schon im April 2021 sagte der damalige Kanzler: „Es kommt eine coole Zeit auf uns zu.“ Im Juni rückte sein Parteimanager aus: „Das ist der Sommer, den uns Sebastian Kurz versprochen hat.“ Und im Sommer ließ die Kurz-ÖVP plakatieren: „Die Pandemie gemeistert. Die Krise bekämpft. Endlich wieder miteinander.“
Ja, auch die beiden grünen Gesundheitsminister Rudolf Anschober und Wolfgang Mückstein haben sich nicht mit Ruhm bekleckert. Sie haben sich vor allem in der Koalition nicht durchgesetzt, als es darum ging, vorzeitig gegenzusteuern. Dies alles zu beklagen, nützt uns zwar nichts. Aber ignorieren brauchen wir dieses Fehlverhalten auch nicht. Schließlich war es die Bundesregierung, die uns erklärte, wie toll sie das Land durch die Krise gelenkt hatte.
Wieder wird also ein Lockdown kommen. Wir müssen hoffen, dass die Intensivstationen spürbar und rasch entlastet werden. Wir sollten hoffen, dass jetzt in den anderen Bundesländern umgesetzt wird, was Wien seit Monaten vormacht. Dort gibt es Kapazitäten für PCR-Tests, dort wurde ein mit Experten abgestimmter eigenständiger Weg beschritten. Und ja, weil aktuell – in Wien werden alle, die noch nicht gegen das Coronavirus geimpft sind, dieser Tage vom Rathaus eine Post mit einem für sie gebuchten Impftermin bekommen. Zudem beinhaltet der Brief Aufklärung über Impfmythen und eine Erklärung, warum eine Impfung wichtig ist.
Diese Initiative sollten die anderen Bundesländer zumindest versuchen. Wenn alles nichts nützt, dann ist es wohl legitim und auch notwendig, die Debatte über eine Impfpflicht zu eröffnen. Oder wollen wir in ein paar Monaten wieder sehenden Auges dort ankommen, wo wir gerade sind?
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