Sektenbericht: Corona-Krise beflügelt Verbreitung von Verschwörungstheorien

MitarbeiterInnen der Bundesstelle leisten wichtige Beratungs- und Öffentlichkeitsarbeit

Wien (PK) – So gefragt wie nie zuvor war im vergangenen Jahr die Expertise der MitarbeiterInnen der Bundesstelle für Sektenfragen, ist einem aktuellen Tätigkeitsbericht (III-457 d.B.) zu entnehmen. Die COVID-19-Pandemie, die in allen gesellschaftlichen Bereichen ihre Spuren hinterlassen hat, trug nämlich maßgeblich zur weiteren Verbreitung von Verschwörungstheorien bei. Der hohe Leidensdruck von Angehörigen, die bisher noch nie dagewesene Allgegenwärtigkeit des Themas und der Mangel an Erfahrung, wie diesem zu begegnen wäre, standen oft im Fokus von Beratungsgesprächen. Im Mai 2021 wurde dann auch ein eigener Bericht zu Verschwörungstheorien veröffentlicht.

Grundsätzlich hat die Bundestelle den gesetzlichen Auftrag, sich mit allen „sektenähnlichen Aktivitäten“ zu befassen, wobei konfliktträchtige Strukturen oder mögliche Gefährdungen nicht nur in religiösen oder weltanschaulichen Bereichen beobachtet werden, sondern etwa auch im expandierenden kommerziellen Lebenshilfemarkt, der schwer zu überblickenden Esoterikszene sowie im Umfeld von Staatsverweigerern bzw. staatsfeindlichen Gruppierungen.

Um einen besseren Einblick in die konkrete Arbeit zu geben, werden im Bericht strikter Wahrung des Datenschutzes ausgewählte „Fallbeispiele“ präsentiert.

Zentrale Servicestelle bietet trotz angespannter Personalsituation umfangreiches Beratungs- und Hilfsangebot

Die Bundesstelle für Sektenfragen, an die sich im Jahr 2020 insgesamt 1.637 Personen gewandt haben, steht seit 1998 als zentrale Service-und Anlaufstelle allen Privatpersonen, Institutionen und staatlichen Einrichtungen zur Verfügung. Seit Beginn ihrer Tätigkeit wurden Informationen zu mehr als 2.800 unterschiedlichen religiösen und weltanschaulichen Gemeinschaften, Organisationen oder Angeboten eingeholt. Trotz zahlreicher coronabedingter Einschränkungen blieb die Anzahl an Kontakten im Jahr 2020 auf einem hohem Niveau. Nicht in den Zuständigkeitsbereich der Bundesstelle fallen die gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgemeinschaften.

Neben möglichst objektiver und vertraulicher Information und Dokumentation bietet die Einrichtung individuelle psychosoziale Beratungen (462 Fälle im Jahr 2020), Präventionsarbeit sowie Fort-und Weiterbildungsmaßnahmen. Aufgrund des hohen Interesses an bestimmten Themen stiegen die Medienanfragen nochmals deutlich an und bildeten somit einen wichtigen Arbeitsschwerpunkt. Es zeigte sich, wie sehr die Bundesstelle als kompetente Ansprechpartnerin sowohl im Print-, Radio- als auch im TV-Bereich zu Recherche- und Interviewanfragen wahrgenommen wird.

Was den Personalstand angeht, so ist die Situation aufgrund der in den vergangenen Jahren erfolgten Kürzung des Gesamtbudgets um rund 20% weiter angespannt, kann man dem Bericht entnehmen. Trotz einer kaum veränderten hohen Anzahl an Beratungsfällen und neu hinzugekommenen Aufgaben besteht das Team ebenso wie im Vorjahr aus fünf MitarbeiterInnen, wobei nur zwei vollzeit- und drei teilzeitbeschäftigt sind. (www.bundesstelle-sektenfragen.at ).

Weitere Schwerpunkte: Von freikirchlichen Gemeinschaften bis hin zu den Staatsverweigerern

Der Bereich „Kindeswohlgefährdung und Kinderrechte“ sowie die Vernetzung und fachliche Arbeit in diesem wichtigen Feld, standen zu Beginn des Jahres 2020 im Mittelpunkt der Tätigkeit der Bundesstelle. Der Tod eines 13-jährigen Mädchens in Niederösterreich im September 2019, das aus religiösen Gründen keine medizinische Behandlung erhielt, führte auch im Jahr 2020 zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit dem Konfliktfeld zwischen dem Recht auf Religionsfreiheit, den Rechten von Eltern und schließlich den Rechten von Kindern und Jugendlichen.

Durch den Ausbruch der Pandemie geriet dieses wichtige Thema zunächst ein wenig in den Hintergrund, nahm aber im Verlauf des Jahres wieder an Bedeutung zu. Die Auswirkungen religiöser, weltanschaulicher oder ideologischer Vorstellungen von Eltern in Bezug auf die COVID-19-Pandemie wurden deutlich, wenn sie zu Verweigerungen von Hygiene- und Schutzmaßnahmen (z.B. Maskenpflicht) oder Corona-Testungen von Kindern und Jugendlichen führten.

Verstärktes Medieninteresse rief auch die aus Südkorea stammende neue religiöse Bewegung Shincheonji hervor, von der sich sogenannte „AussteigerInnen“ an die Bundesstelle gewandt hatten und die durch die hohe Anzahl von Coronavirus-Infektionen bei ihren Mitgliedern in Südkorea erstmals weltweit in die Schlagzeilen geriet. Ebenso führten Anfragen zu gesetzlich nicht anerkannten Freikirchen bzw. freikirchlichen Gemeinschaften, aktuellen Entwicklungen wie dem Erstarken der rechten Esoterik, Antisemitismus, Staatsverweigerern oder sogenannten Preppern und Selbstversorgern zu einer hohen Medienpräsenz der Bundesstelle.

Als zentrale österreichweite Anlaufstelle war die Bundesstelle mit einem breitem Spektrum von Themen und Bereichen befasst, das von religiösen und weltanschaulichen Gemeinschaften über Weltanschauungsfragen, Esoterik, Okkultismus, Satanismus, Wunderheilungen, fundamentalistische Strömungen, Angebote zur Lebenshilfe bis hin zu religiösem Extremismus reicht. Generell sei festzustellen, dass sich die religiöse und weltanschauliche Szene immer weiter in kleinere Gemeinschaften und Organisationen aufsplittert und zunehmend unüberschaubar sei.

Verschwörungstheorien: Von einem Randphänomen zu einem stark präsentem Thema

Aufgrund der Corona-Krise und der starken Zunahme an Verschwörungstheorien entwickelte sich die Medienbetreuung und Öffentlichkeitsarbeit in diesem Bereich zu einem neuen Arbeitsschwerpunkt. Schon im Frühjahr 2020 habe sich gezeigt, dass sich Verschwörungstheorien von einem Randphänomen zu einem medial und gesellschaftlich stark präsenten Thema entwickelt haben. Fehlinformationen und Fake News haben sich laut Bericht insbesondere über Social Media wie ein Lauffeuer verbreitetet und für massive Konflikte in Familien, Freundeskreisen und im beruflichen Umfeld gesorgt.

Viele der Verschwörungstheorien waren in ihren Inhalten ausgesprochen extrem und irrational, lautet die Einschätzung der ExpertInnen. Zum Beispiel wurde behauptet, dass die Erde hohl sei und von Echsenwesen bewohnt werde, die die Herrschaft auf der Erde übernehmen wollten oder dass Bill Gates die Pandemie in Auftrag gegeben hätte, um den Menschen mit der anschließenden Impfung einen Mikrochip zu implantieren, der sie zu willenlosen Befehlsempfängern machen soll.

Häufig wurde vor einer angeblich bevorstehenden Katastrophe gewarnt wie einem Wirtschaftszusammenbruch, einem Militärputsch, dem Jüngsten Gericht mit der Wiederkehr von Jesus Christus oder einem weltweiten Stromausfall. Oft wurden dafür auch konkrete Termine genannt. Das Nichteintreffen dieser Voraussagen schien keinen Einfluss auf die Gläubigen zu haben. Anweisungen wurden ausgegeben, wie man sich auf diese Szenarien vorbereiten soll und dass man auch Angehörige und Freundinnen bzw. Freunde davor warnen müsse. In Familien entstanden in der Folge Konflikte, wenn etwa ein Angehöriger Lebensmittel, Treibstoff oder Waffen hortete, Geldbestände in Gold oder virtuelle Währungen wechselte und das auch von den anderen einforderte.

Oft wurde auch auf die QAnon-Erzählung verwiesen, die zuvor in Österreich nahezu unbekannt war. Laut dieser Verschwörungstheorie sollen u.a. angeblich mächtige satanistische Netzwerke Kinder entführen und quälen, aus deren Blut würde dann Adrenochrom, ein Adrenalin-Stoffwechselprodukt, gewonnen und als Verjüngungsmittel für Hollywood und andere Eliten eingesetzt werden. Trump wäre gemäß dieser Erzählung eine Art messianische Erlöserfigur, die gegen die Mächte des „Deep State“, jener Netzwerke, die angeblich den Staat unterwandert hätten, auftreten und eine Befreiungsaktion durchführen würde.

Schon vor dem Ausbruch der Pandemie zeigten sich weite Teile der Esoterik medizin- und impfkritisch. Während der Pandemie erreichte diese Entwicklung einen neuen Höhepunkt. Viele der Menschen, die sich mit der Querdenker-Bewegung identifizierten oder im Umfeld mit dem Verweigern von Testungen und Schutzmaßnahmen auffielen, gehörten auch der Esoterik-Szene an. Auch rechtsextreme Bewegungen, InfluencerInnen bzw. AktivistInnen traten verstärkt bei Querdenker-Demonstrationen auf und verbreiteten dort auch verschwörungstheoretische Inhalte. Viele Inhalte von populären Verschwörungstheorien sind offen oder versteckt antisemitisch. Etablierte Medien wurden häufig als „Lügenpresse“ diffamiert.

Fallbeispiele insbesondere aus dem Kapitel Kinder und Jugendliche

Ebenso wie im Vorjahr wurde erneut ein besonderes Augenmerk auf die Situation von Kindern und Jugendlichen gelegt, die durch ihr Umfeld mit jenen religiösen oder weltanschaulichen Ideologien oder Vorstellungen in Kontakt kommen, die ihre Rechte beschneiden oder ein sicheres Aufwachsen und eine Partizipation in der Gesellschaft behindern oder einschränken können. Extreme politische oder weltanschauliche Ansichten von Eltern werden meist auch an deren Kinder vermittelt, urteilen die AutorInnen. Wenn es wenig Kontakte außerhalb des sozialen Umfeldes der Eltern gibt und auch der Schulbesuch umgangen wird, können Kinder und Jugendliche in einer Art Parallelwelt aufwachsen, deren Werte und Regeln manchmal im Gegensatz zu einer liberalen modernen westlichen Gesellschaft stehen.

Der 149 Seiten umfassende Bericht enthält einige ausgewählte Fallbeispiele, die dazu beitragen sollen, die tägliche Arbeit der Bundesstelle für Sektenfragen besser zu veranschaulichen. So wandte sich etwa eine Frau an die Sektenstelle, deren Gatte davon überzeugt war, dass die COVID-19-Pandemie nicht gefährlicher als eine „einfache“ Grippewelle sei. Er schrieb den gemeinsamen Kindern vor, die Schutzmaßnahmen in der Schule nicht einzuhalten und wollte auch nicht, dass die achtjährige Tochter und der elfjährige Sohn Masken tragen. Außerdem sollte sich die Tochter nicht testen lassen. Den Kindern war das Verhalten des Vaters sehr unangenehm, sie wurden von Gleichaltrigen verspottet und gemieden. Der Sohn verteidigte zunehmend die Haltung des Vaters und verschickte ebenso verschwörungstheoretische Inhalte an seine Freundinnen und Freunde. Das isolierte ihn zusätzlich von den Gleichaltrigen.

Andere Eltern wiederum waren überzeugt, dass bei der Testung ein Mikrochip eingepflanzt würde und wollten das um jeden Preis verhindern. Der Enkelsohn der Frau, die Kontakt mit der Bundesstelle aufnahm, war mit dem Homeschooling überfordert und erhielt auch wenig Unterstützung von den Eltern. Diese waren der Ansicht, dass eine Schulbildung überflüssig wäre, da sie in den nächsten Monaten den Zusammenbruch der Wirtschaft in Kombination mit einem Blackout erwarteten. Sie horteten Lebensmittel und bereiteten sich auf kriegsähnliche Zustände vor. Dem Kind machten diese Vorbereitungen große Angst, es war isoliert von Gleichaltrigen, wirkte depressiv und resigniert.

Eine Familie stand seit einiger Zeit in Konflikt mit staatlichen Einrichtungen, da sie als „Staatsverweigerer“ deren Autorität nicht anerkannten. Sie weigerten sich, Rechnungen von Pflichtversicherungen und Kommunalsteuern zu zahlen und gerieten dadurch immer wieder in Konflikt mit gesetzlichen Bestimmungen. Versicherungen, auch Kranken-und KfZ-Versicherung, wurden von den Eltern gekündigt. Den Kindern wurde vermittelt, dass die Kinder- und Jugendhilfe Teil eines satanistischen Pädophilen-Rings wäre, der den Eltern ihre Kinder abnehmen und dann verschwinden lassen würde, um als Sklavinnen und Sklaven missbraucht zu werden. Die Kinder reagierten daher bei Kontaktaufnahme seitens der Behörden ängstlich bis aggressiv. Eine konstruktive Zusammenarbeit mit der Familie war nicht möglich. Da die Kinder seit Jahren per Homeschooling unterrichtet wurden, hatten sie auch kaum Kontakt und Austausch mit anderen und standen sehr stark unter dem Einfluss der Eltern. (Schluss) sue

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