
Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 14. Februar 2022. Von MANFRED MITTERWACHAUER. „Unverbindliche Totengräber“.
Innsbruck (OTS) – Es würde sich lohnen, über eine Nachhaltigkeitsabgabe im Tiroler Tourismus nachzudenken. Zwingend notwendig ist sie nicht. Generell bräuchte der Tiroler Weg, also die neue Tourismusstrategie des Landes, endlich verbindlichere Leitplanken.
Vieles, was da so im „Tiroler Weg“ an neuen Ideen und Entwicklungsansätzen für die Zukunft des Tourismus in Tirol vorgezeichnet wird, lässt sich unterschreiben. Eine überfällig gewordene Neuausrichtung der Tourismusstrategie auf mehreren Ebenen für eine wirtschaftliche Leitbranche im Land, die bis vor kurzem nur ein Ziel kannte: von einem Rekord zum nächsten zu eilen. Ein Weg, dem nun nicht nur eine in den vergangenen Jahren stetig gesunkene Akzeptanz in der Bevölkerung, sondern insbesondere eine Pandemie sein vorläufiges Ende aufzeigte. Landeshauptmann Günther Platter (VP) hat die touristischen Leitplanken neu ausrichten lassen. Eine Garantie, dass Platters Kurs hält, gibt’s nicht. Dafür fehlt all den Bekenntnissen schlicht die nötige Portion Verbindlichkeit.
Mit der jetzt vom Landtag beschlossenen Novelle des Tourismusgesetzes will Platter zumindest das Thema Nachhaltigkeit aus dem „Tiroler Weg“ rechtlich verbindlich verankert wissen. Das Vehikel dazu sollen die Tourismusverbände sein. Nachhaltigkeitskoordinatoren sollen Nachhaltigkeitskonzepte für die Regionen erstellen. Dieser Ansatz hat nur einen Schönheitsfehler: Die TVB können zwar Nachhaltigkeitspapiere produzieren – ihre Verbandsmitglieder aber nicht zur Umsetzung derselben verpflichten. Das Geld, allfällige Projekte selbst umzusetzen, fehlt den TVB ohnedies. Den Finger auf diese Wunde legte nicht zuletzt der Verband der Tourismusverbände (VTT) selbst. Nicht nur einmal bemühten deshalb Kritiker der Novelle das Bild vom „zahnlosen Papiertiger“.
Dem VTT wäre es lieber gewesen, Platter hätte im „Tiroler Weg“ eine Nachhaltigkeitsabgabe verankert. Mit einem Euro pro Übernachtung wären das auf Basis von 2018/19 rund 50 Millionen Euro, die zweckgebunden für nachhaltige Projekte frei würden. Klingt sexy, etwa um eine klimafreundliche Gäste-Anreise zu pushen. Eine Idee, die im aktuellen touristischen Krisenmodus aber kaum verbandsintern durch-und umzusetzen ist. Doch eine, der man in besseren Zeiten wieder nachgehen sollte. Gäste, die bereit sind, für Flüge freiwillig CO2-Kompensation zu bezahlen, wird auch eine höhere Aufenthaltsabgabe nicht abschrecken. Der nachhaltige „Überling“ bliebe Tirol. Doch die Nachhaltigkeit ist nicht der einzige unverbindliche Eckpfeiler des Tiroler Wegs. Die von Platter geforderte Landes-Bettenobergrenze (330.000) kennt keinen gesetzlichen Anker, bei jener für Einzelbetriebe (300) ist das Land auf den Goodwill der Gemeinden (Widmungspolitik) angewiesen. Eines muss Platter klar sein:
Unverbindlichkeit war noch (fast) immer der Totengräber einer jeden Reform.
Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS. www.ots.at
© Copyright APA-OTS Originaltext-Service GmbH und der jeweilige Aussender