Leitartikel „Ein Verteilungsproblem“ vom 7. März 2022 von Anita Heubacher

Innsbruck (OTS) – Frauen bekommen künftig nicht nur am Weltfrauentag Unterstützung: Der Facharbeitermangel wird dazu führen, dass Frauen mehr arbeiten können. Der 9-to-5-Job stirbt aus, die Arbeitszeiten werden flexibler und Männer auch.

Von Anita Heubacher
Am Dienstag ist Weltfrauentag. Leider. Denn es braucht ihn noch immer und, wie die Pandemie gezeigt hat, seit einigen Jahren wohl wieder mehr.
Weiblich, ein, zwei Kinder, keine leitende Funktion und vorwiegend in schlecht bezahlten Branchen unterwegs. Das ist die Beschreibung der typisch österreichischen Teilzeitkraft. Österreich und Deutschland sind folgerichtig seit zig Jahren Negativ-Spitzenreiter, wenn es um Einkommens-, und noch schlimmer, Pensionsgerechtigkeit geht. Das Problem ist weniger die Teilzeit, wohl aber deren Verteilung und das jahrelange Verweilen darin – oft, bis das Kind zur Uni oder man selbst in Pension geht.
Nun kann selbstverständlich jeder sein Lebensmodell wählen, das für mehr als 90 Prozent immer noch gleich aussieht: Partnerschaft, Ehe, Kinder, er Vollzeit, sie Teilzeit. Mit allen Chancen und Risken. Letztere werden in vielen Fällen nicht selbst abgefedert und einkalkuliert, sondern müssen von der Allgemeinheit, einer Volkswirtschaft, ausgeglichen werden. Das ist ein Problem.
Zwar wird heute die Diversität der Geschlechter mit einer nicht enden wollenden Hingabe diskutiert, die Diversität von Lebensmodellen aber kaum. Das Glücksmodell bleibt die Familie und ganz besonders die klassische Rollenverteilung.
Dieses Mal am Weltfrauentag und vor allem für die vielen, die noch folgen werden, ist Optimismus angesagt. Denn die Frauen bekommen Unterstützung. Eines der ganz großen Zukunftsthemen ist der Fach- und Arbeitskräftemangel. Wirtschaft und Industrie gilt das Potenzial der Frauen als Lösungsansatz. Man wird also noch mehr tun, um Eltern bei der Kinderbetreuung zu unterstützen. Dazu kommt, dass der „9-to-5-Job“ ein Auslaufmodell ist und die Arbeitszeiten und die Männer flexibler werden. Deren Lust und Laune, alles der Karriere unterzuordnen, ist in den letzten Jahren eher gesunken.
Es könnte also das passieren, was Frauenrechtlerinnen schon lange als einen Lösungsansatz sehen: die 30-Stunden-Woche für alle oder zumindest eine gerechtere Verteilung der bezahlten und unbezahlten Arbeit. Kommen dann noch eine gut geförderte Elternteilzeit, viele ganztägige Schul- und Betreuungsformen dazu, könnte sich tatsächlich etwas tun. Dazu müssten aber beide Geschlechter mitspielen und sich gegenseitig Erwerbs- und Betreuungsarbeit zutrauen.
Klingt radikal? Na, irgendwann sollten wir schon so weit sein, dass die Kritikpunkte am Weltfrauentag nicht immer dieselben sind und es vor allem nicht bleiben.

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