TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Die Rückkehr der Angst“, von Christian Jentsch

Ausgabe vom Freitag, 11. März 2022

Innsbruck (OTS) – Europa war in den vergangenen Jahrzehnten ein Hort der Stabilität und des Wohlstands. Mit Putins Krieg in der Ukraine ist die Angst zurückgekehrt. Neue Zeiten, die Hilfsbereitschaft und Besonnenheit einfordern.

Zwei Tage nach dem Beginn der russischen Invasion in der Ukraine am 24. Februar schrieb Papst Franziskus in einem Tweet auch auf Russisch: „Jeder Krieg hinterlässt die Welt schlechter, als er sie vorgefunden hat. (…) Krieg ist ein Versagen der Politik und der Menschheit, eine beschämende Kapitulation.“ Und der Albtraum geht weiter. Tausende Menschen wurden in der Ukraine bereits getötet, über zwei Millionen sind auf der Flucht. In den Trümmern des Krieges werden Hoffnungen begraben, wird die Zukunft verdunkelt. In der Ukraine, in Europa. Der 24. Februar 2022 markiert einen Wendepunkt in der Geschichte Europas. Euro­pa ist wieder Kriegsschauplatz und 30 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges senkt sich erneut der Eiserne Vorhang über den Kontinent. Nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs setzte Europa in den vergangenen Jahrzehnten auf Frieden und entwickelte sich zu einem beispiellosen Erfolgsmodell. Europas Sterne glänzten hell, in Sachen Demokratie, in Sachen Rechtsstaat und in Sachen Lebensstandard. Im Frieden konnten Wirtschaft und Innovation kräftig wachsen, Europa wurde zum Ort der Sehnsucht. Doch nun ist die Angst zurück. Das Gefühl der Sicherheit ist in Auflösung begriffen. Putins Angriffskrieg auf die Ukraine hat alles durcheinandergewirbelt. Als Reaktion darauf werden nun jahrelange Gewissheiten über Bord geworfen. Deutschlands Kanzler Olaf Scholz sprach von einer Zeitenwende und vollzog eine Kehrtwende in der deutschen Sicherheitspolitik. Ohne Vorplanung kündigte er an, die deutsche Bundeswehr mit 100 Milliarden Euro aufzurüsten. Auch andere europäische Staaten werden ihre Verteidigungsbudgets massiv aufstocken. Die EU sucht die geostrategische Neuaufstellung und rüstet sich auf. Und auch der Druck zur nuklearen Nachrüstung wird nicht nur wegen Putins Drohung mit Russ­lands Nuklearstreitkräften steigen.
Die Angst ist wieder zurück. Und sie legt sich wie ein dunkler Schleier über unsere Zukunft. Klimakrise, Pandemie und nun der Krieg. Niemand weiß, wie es weitergehen wird – kurzfris­tig, mittelfristig und langfristig. Wird sich die Eskalation weiter aufschaukeln? Wird in einer neuen Welt die Unsicherheit zu unserem ständigen Wegbegleiter? Kurzfristig kann es nur darum gehen, den Krieg in der Ukraine so rasch wie möglich zu beenden und den Flüchtlingen zu helfen. Und es müssen Auswege gefunden werden, in allen Richtungen. Wobei eine militärische Option im Sinne einer direkten Konfrontation zwischen der NATO und Russland keine Lösung, sondern womöglich die totale Zerstörung in einem Dritten Weltkrieg bedeuten würde. Hier sind Besonnenheit, Umsicht und Vorsicht gefragt.

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