
Tiroler Tageszeitung, Leitertikel, Ausgabe vom 7. Juni 2022. Von PETER NINDLER. „Neue Wege, altes Denken“.
Innsbruck (OTS) – Es benötigt noch viel Umdenken, damit Tirol Modellregion für nachhaltigen Tourismus wird. Solange die Leitlinien für eine 300-Betten-Grenze unverbindlich sind, ist die Politik gefordert. Nicht nur LH Platter, sondern auch die Gemeinden.
Die Obergrenze von 300 Betten in Beherbergungsbetrieben pickt. Nicht rechtlich, dafür politisch bei Tourismusreferent und Landeshauptmann Günther Platter (VP). Und das nicht zu knapp. Dass die mit der Tourismuswirtschaft vereinbarte Grenze mit dem namhaften und weit über Tirol hinaus bekannten Arlberg Hospiz in St. Christoph gleich auf die Probe gestellt wird, ist für den Landeshauptmann Fluch und Segen zugleich.
Schließlich hat es Signalwirkung, wenn sich eine Tourismushochburg wie St. Anton in der Widmungspolitik nicht an die politisch festgezurrten Leitlinien des Landes hält und ein Tiroler Leitbetrieb diese vorerst mit „maximal 384 Betten“ schlichtweg ignoriert. Platter kann jetzt allerdings gar nicht anders, als auf eine Reduktion zu pochen. Denn die Bettenobergrenze symbolisiert deutlicher als alles andere die Glaubwürdigkeit des von ihm forcierten neuen Wegs im heimischen Tourismus, zum anderen Platters politisches (Tourismus-)Gewicht. Darin liegt freilich auch die große Chance. Wie es aussieht, werden es am Ende der Verhandlungen wohl weniger Betten im um- und neugebauten Arlberg Hospiz sein. Das kann der Landeshauptmann letztlich als seinen Erfolg verbuchen. Unabhängig davon wäre es generell eine wesentliche Botschaft, dass eine nachhaltige und verantwortungsvolle Tourismusentwicklung in Tirol nicht nur in Worte gefasst, sondern in der Realität immerhin umgesetzt wird. Zu wichtig ist der Tourismus im Land, vor zu großen Herausforderungen stehen die Hoteliers.
Neben dem eklatanten Personalmangel geht es in den nächsten Jahren in Tirol um die Übergabe von 2600 meist familiengeführten Hotelbetrieben. Deshalb benötigt es Perspektiven wie Qualität und Wertschöpfung vor Quantität bzw. finanziellen „Schleuder“-Angeboten. Investorenmodelle, touristische Großbetriebe, Chaletdörfer oder illegale Freizeitwohnsitze – die Politik muss handeln. Mit der Widmungspolitik hätten die Gemeinden dafür einen mächtigen Schlüssel in der Hand.
Die kommunale Autonomie macht es dem Land jedoch nicht ganz einfach, oft agiert die regionale Politik zu nahe an den handelnden Personen. Darin liegt obendrein die große Schwäche von unverbindlichen Entwicklungskonzepten nicht nur im Tourismus. Das Land zieht nämlich nicht an einem Strang, von Günther Platters gewünschter Modellregion im Tourismus ist Tirol noch ein gutes Stück entfernt. Das geht über die 300er-Grenze bei den Hotelbetten hinaus und endet in den Skigebieten mit umstritteten Zusammenschlüssen oder geplanten Gletscherehen im Oberland.
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