
TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Sommer, Sonne, Teuerung – und Wahlen?“, von Peter Nindler
Ausgabe vom Mittwoch, 3. August 2022
Innsbruck (OTS) – Der Landtagswahlkampf verschwindet im „politischen Sommerloch“, das trifft vor allem den neuen ÖVP-Landeshaupt-mannkandidaten Toni Mattle. Noch dazu spürt die Bevölkerung die Teuerung und hat derzeit keinen Sinn für Wahlen.
Jetzt schwitzen und im Winter vielleicht frieren. Dazu noch die steigenden Lebenshaltungskosten wegen der energiegetriebenen Teuerung. Und was ist mit dem Landtagswahlkampf? In der mit vielen Unsicherheiten behafteten Gemengelage tut sich der politische Wettbewerb um Stimmen und Mandate auf der Befindlichkeitsskala der Tiroler Bevölkerung aktuell besonders schwer. Ganz zu schweigen von der Mobilisierung mitten im Sommer.
Damit steckt vor allem die Tiroler Volkspartei in der Zwickmühle, benötigt sie doch mehr denn je Anschub und Zuspruch. Umfragen sind keine Ersatzbibel für die tatsächliche Wählergunst, aber allemal ein Stimmungsbild, über das intensiv diskutiert wird. So kämpft die ÖVP seit Monaten mit einem negativen Drall, den Neo-Parteichef und Spitzenkandidat Toni Mattle auch nach zwei Monaten noch nicht umdrehen konnte.
Der schwarze Regiefehler mit dem Wechsel des Spitzenkandidaten von Landeshauptmann Günther Platter zu Mattle ohne Amtsübergabe, dafür mit vorgezogenen Landtagswahlen am 25. September wird immer offensichtlicher. Gleichzeitig droht eine thematische Überfrachtung und Verwässerung Mattles mit allerlei „Chefsachen“, statt ihn auf Teuerung zu trimmen. Obwohl es für den schwarzen Parteichef um alles geht. Denn bei großen Verlusten wird die ÖVP freilich weiter den Landeshauptmann stellen, nur der wird danach vermutlich nicht Toni Mattle heißen.
Wenn es darauf ankommt, kann die Tiroler ÖVP allerdings wie keine andere Partei wahlkämpfen. Gescheit sein alleine nützt deshalb SPÖ, FPÖ, Grünen, Liste Fritz und NEOS nichts. Das „politische Sommerloch“ trifft sie genauso, wiewohl die Teuerungsdebatte offenbar die SPÖ mobilisiert. Weil sich dahinter eine soziale Herausforderung auftut – von der Zapfsäule bis zum leistbaren Wohnen. Außerdem wäre es bitter für die Sozialdemokraten, könnten sie nicht einmal mehr mit Sozialpolitik punkten. Hier behauptet sich gleichsam die Liste Fritz, die sich seit Jahren als „politischer Sozialarbeiter“ definiert. Die FPÖ hofft noch auf weiteren Rückenwind, während sich die grünen Umweltfighter und die liberalen NEOS thematisch mit der Teuerung abmühen.
Seit 1945 stellt die ÖVP den Landeshauptmann in Tirol, Platter hat zuletzt 14 Jahre regiert. Kann sein designierter Nachfolger Toni Mattle überhaupt Landeshauptmann? Mit einem Amtsbonus geht der Landesrat nämlich nicht in die Wahl, im Wirtschaftsressort hat(te) er kaum politischen Spielraum und in der ÖVP spielte er zuvor keine große Rolle. Schlussendlich ist es für Toni Mattle ein Wahlkampf von null auf 100. Er kann deswegen viel gewinnen und, sollte er massiv verlieren, am wenigsten dafür.
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