
Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 10. September 2022. Von CHRISTIAN JENTSCH. „God save the King?“
Mit dem Tod von Queen Elizabeth II. endet eine Ära. Inmitten schwerer Krisen und großer Verunsicherung muss King Charles III. die britische Monarchie in die Zukunft führen. Ein Unternehmen mit Fragezeichen.
Als 25-Jährige bestieg Elizabeth II. im Februar 1952 den britischen Thron. Ein junges Mädchen, das versprach, ihr Leben lang dem Vereinigten Königreich und den anderen Territorien ihres imperialen Reiches, das längst im Zerfall begriffen war, zu dienen. Über 70 Jahre lang löste sie dieses Versprechen mit Hingabe ein. Sich immer in größter Selbstdisziplin und Zurückhaltung übend, führte sie das Vereinigte Königreich als Instanz jenseits des politischen Tagesgeschäfts ohne reale Macht durch schwere Krisen. Als lautlose Königin, die ihre politische Gesinnung immer zu verbergen und ihre Emotionen im Zaum zu halten wusste, sicherte sie der Monarchie in Großbritannien und auch dem Commonwealth – 15 Staaten des Staatenbundes, darunter auch Australien und Kanada, haben den britischen Monarchen als Staatsoberhaupt – das Überleben. Und fand ihre Rolle in einer modernen westlichen Demokratie, ganz ohne politische Macht, die ausschließlich in den Händen von Parlament und Regierung liegt. Für die einen nur hinterfragenswerte und vor allem sündteure Staffage mit aus der Zeit gefallenen Ritualen, war die Queen für viele ein Fels in der Brandung, eine verlässliche Konstante in gefühlt immer unruhigeren Zeiten, inmitten der Krisen, welche die Menschen zunehmend verunsichern. Während Politiker kamen und gingen und dem Wahlvolk das Blaue vom Himmel versprachen, war Elizabeth II. gekommen, um für eine gefühlte Ewigkeit zu bleiben. Jenseits der politischen Spielchen, die sie mit Schweigen quittierte. Die Queen schien unverrückbar. Bis zuletzt. Bis sie am Donnerstag im Alter von 96 Jahren auf ihrem Landsitz auf Schloss Balmoral in Schottland starb. Zwei Tage zuvor hatte sie noch Liz Truss zur neuen britischen Premierministerin ernannt. Während ihrer Regentschaft erlebte sie zwölf Premierminister und drei Premierministerinnen in Großbritannien und 14 verschiedene US-Präsidenten. Mehr Konstanz geht nicht.
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