
„Gesund aus der Krise“: Was Social Media mit der Psyche von jungen Menschen macht
Warum das geplante Social-Media-Verbot ein wichtiger erster Schritt ist und was unsere Behandler:innen aus der Praxis berichten
Instagram, TikTok, Snapchat und Co. gehören für viele unserer Kinder und Jugendlichen zum Alltag. Oft sind ihnen die Gefahren der Sozialen Medien jedoch nicht bewusst oder sie wissen nicht, was sie bewirken. In den Praxen der Behandler:innen von „Gesund aus der Krise“ zeigen sich die durch Social Media verursachten oder verstärkten psychischen Probleme unserer Jugend. Eine Umfrage unter 324 Behandler:innen unterstreicht, wie wichtig konkrete Regeln und ein neuer Umgang mit Social Media vor allem bei jungen Menschen wären. Die zwei Verbände hinter dem Mental-Health-Projekt „Gesund aus der Krise“, der Berufsverband der Österreichischen Psychologinnen und Psychologen (BÖP) und der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP), sprechen sich in ihrer Verantwortung für die mentale Gesundheit klar für das Social-Media-Verbot und begleitende Maßnahmen aus.
Auch Gesundheits- und Sozialministerin Korinna Schumann hält fest:_ „Die Auswirkungen von Social Media auf Kinder und Jugendliche sind heute im Alltag deutlich sichtbar. Sie betreffen das Gesundheitsverhalten, die psychische Gesundheit, die Selbstwahrnehmung und das Körperbild, das soziale Miteinander, die Beziehungsgestaltung junger Menschen. Viele Plattformen sind außerdem so gestaltet, dass sie die Nutzung gezielt verstärken und damit auch Suchtpotenziale entstehen können.“_
Diese Entwicklungen machen aus Sicht der Ministerin konsequentes Handeln notwendig:_ „Wir nehmen das sehr ernst und begegnen diesen Entwicklungen mit klaren politischen Maßnahmen. Mit dem geplanten Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige setzen wir einen wichtigen Schritt zum Schutz von Kindern und Jugendlichen. Gleichzeitig stärken wir gezielt die Medien- und Gesundheitskompetenz, damit junge Menschen digitale Inhalte besser verstehen und einordnen können.“_
Die wissenschaftliche Evidenz ist klar: Nutzen Kinder vor dem 14. Lebensjahr ein Smartphone und damit auch Social-Media-Applikationen sehr intensiv, finden sich zehn Jahre später bei diesen vermehrt Symptome einer Depression bis hin zu Suizidgedanken und einem Gefühl, von dieser Welt entfremdet zu sein._ „Nur wenn wir als Gesellschaft regulierend eingreifen und gleichzeitig die Kompetenz unserer Kinder im Umgang mit digitalen Medien stärken, bewahren wir die nächsten Generationen davor, in einer digitalen Welt aufzuwachsen, die als Nährboden für psychische Probleme fungiert,“_ erklärt Priv. Doz. Mag. Dr. Oliver Scheibenbogen, klinischer Psychologe, Gesundheitspsychologe und wissenschaftliche Leitung des ORF/Dok1-Handyexperiments.
„GESUND AUS DER KRISE“ – UMFRAGE: BEI 74 PROZENT DER KLIENT:INNEN PROBLEMATISCHER SOCIAL-MEDIA-KONSUM
Selbstwert, das eigene Körperbild, Schlafstörungen, Nutzungsverhalten und soziale Unsicherheit sind die Top fünf Probleme, die die Behandler:innen von „Gesund aus der Krise“ im Zusammenhang mit Social Media sehen. Die Umfrage wurde im April 2026 von 324 Behandler:innen online durchgeführt. Die Ergebnisse sind teils dramatisch.
* 74 Prozent der Behandler:innen registrieren bei ihren Klient:innen einen problematischen Social-Media-Konsum. 28 Prozent davon sogar „sehr häufig“.
* Ein Drittel der Befragten beobachtet ein eindeutig problematisches Social-Media-Verhalten bereits bei den 10- bis 13-Jährigen.
* 82 Prozent stellen fest, dass Kinder und Jugendliche häufig oder sehr häufig die digitale Nutzung nicht mehr selbstständig beenden können.
* 70 Prozent berichten, dass der Schlaf von Kindern und Jugendlichen von ihrer nächtlichen Social-Media-Nutzung beeinträchtigt wird.
* 79 Prozent der Behandler:innen geben an, dass Social Media andere Freizeitaktivitäten und Hobbys ihrer Klient:innen verdrängt.
* 75 Prozent der Behandlerinnen sagen, dass das Körperbild unserer Kinder und Jugendlichen sehr stark (33 Prozent), beziehungsweise stark (42 Prozent) von Social Media beeinflusst wird.
* Große Unterschiede zeigen sich zwischen weiblichen und männlichen Klient:innen: 71 Prozent der Behandler:innen erleben eine sehr starke, beziehungsweise starke Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen bei ihren weiblichen Klient:innen. Gleichzeitig nehmen nur 38 Prozent der Behandler:innen eine ähnliche Unzufriedenheit bei den männlichen Klient:innen wahr.
* Zwei Drittel der Behandler:innen warnen, dass der Selbstwert unserer Kinder/Jugendlichen sehr stark beziehungsweise stark an Online-Rückmeldungen (Likes, Follower, Views) gekoppelt ist.
* 74 Prozent unserer Behandler:innen registrieren, dass direkte Gespräche und Begegnungen im freundschaftlichen und familiären Umfeld häufig oder sehr häufig abnehmen.
* 87 Prozent der Behandler:innen erkennen, dass Eltern mit der digitalen Mediennutzung ihrer Kinder stark oder sehr stark überfordert sind.
* 72 Prozent erleben bei ihren Klient:innen häufig oder sehr häufig soziale Unsicherheiten oder Angst in direkten Begegnungssituationen.
Ao. Univ.-Prof.in Dr.in Beate Wimmer-Puchinger, Gesamtleitung „Gesund aus der Krise“ und Präsidentin Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP): _„Die Erfahrungen unserer Behandler:innen sowie internationale Studien lassen nur einen Schluss zu: Wir müssen unsere Jugend vor exzessivem Social-Media-Konsum schützen. Deswegen unterstützen wir das von der Regierung beschlossene Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige. Wir wissen aber auch, es braucht mehr: Wir haben für begleitende Aufklärungsmaßnahmen zu sorgen.“_
SOCIAL MEDIA: VERANTWORTUNG FÜR ALLE
Digitale Medien sind ein selbstverständlicher Bestandteil der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Ein verantwortungsvoller Umgang mit digitalen Medien ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die uns alle betrifft, nicht nur Eltern, Lehrer oder die Jugend. _„Wir sind hier alle gefordert, einerseits selbst als Vorbilder entsprechend zu agieren. Wir als die zwei größten Berufsverbände für psychische Gesundheit sehen es andererseits als unsere moralische und ethische Verantwortung, aufzuzeigen, dass wir als Gesellschaft den Tech-Giganten auch Einhalt gebieten müssen. Denn eins ist sicher: Tun wir das nicht, verlieren wir eine gesunde Zukunft,“ _appelliert Wimmer-Puchinger.
Der Schutz der psychischen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, der Aufbau von Medienkompetenz und die Stärkung demokratischer Grundwerte müssen gemeinsam gedacht werden. „_Je später der Einstieg in soziale Medien erfolgt, desto besser sind die Voraussetzungen für eine gesunde psychische Entwicklung,“_ erklärt Mag.a Barbara Haid, MSc, Präsidentin Österreichischer Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP), Kooperationspartnerin „Gesund aus der Krise“. _„Soziale Medien wirken auf die emotionale Entwicklung, den Selbstwert und die Beziehungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen stark ein. Besonders problematisch ist dabei, dass Kinder und Jugendliche oft noch nicht über jene innere Stabilität verfügen, um zwischen virtueller Inszenierung und Realität ausreichend unterscheiden zu können.“_
Die sogenannten „Commercial determinants of health“ der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschreiben den Einfluss wirtschaftlicher Akteure auf die Gesundheit von Menschen, indem Unternehmen durch Produktgestaltung, Algorithmen und Geschäftsmodelle Gesundheitsrisiken direkt oder indirekt mitprägen. Oft wird Eltern oder Kindern die alleinige Schuld gegeben, wenn sie „handysüchtig“ werden. Das Konzept der kommerziellen Determinanten zeigt aber: Wenn das Produkt (die App) absichtlich so entwickelt wurde, dass es süchtig macht, liegt die Verantwortung auch beim Hersteller, nicht nur beim Nutzer.
GEFANGEN IM FEED: WENN SOCIAL MEDIA SÜCHTIG MACHT
In der Praxis von „Gesund aus der Krise“ beobachten 82 Prozent der Behandler:innen, dass Kinder und Jugendliche die digitale Nutzung nicht mehr selbstständig beenden können. Auch eine aktuelle Studie bestätigt ähnliche Dynamiken: Der „Sog des Feeds“ betrifft laut der Ö3-Jugendstudie 2026 bereits 73 Prozent der 16- bis 25-Jährigen. Erstmalig wurden Plattformen für ihr suchtförderndes Design zu Schadenersatzzahlungen in Millionenhöhe in den USA verurteilt. Dass hinter diesen Urteilen reale Probleme stehen, zeigt sich besonders deutlich bei jungen Nutzer:innen. Scheibenbogen: _„Kinder können attraktiven Reizen aufgrund der Hirnentwicklung noch nicht so gut widerstehen wie Erwachsene. Es fällt ihnen wesentlich schwerer, die Konsequenzen ihres Handelns vorwegzunehmen. Die Folge ist ein Kontrollverlust und massive Probleme der Regulation des eigenen Handykonsums.“_
Es gibt Regeln und Verbote für viele schädliche, suchtfördernde Substanzen: Alkohol, Nikotin oder Drogen. Social Media kann genauso süchtig machen, nur ist es noch dazu ein „personalisiertes Suchtmittel“: Jeder Algorithmus ist auf den User, die Userin persönlich abgestimmt. _„Der uneingeschränkte, nicht regulierte Social-Media-Konsum ist toxisch. Wir Berufsverbände fordern nach diesen alarmierenden Erkenntnissen, dass das angekündigte Social-Media-Verbot hoffentlich bald Realität ist_,“ so Wimmer-Puchinger und Haid.
„DIGITALE DIAGNOSE“ ALS PRAXISBEOBACHTUNG
Selbstdiagnosen boomen, jedoch nicht jedes Stimmungstief ist eine Depression. Kinder und Jugendliche erfahren in den sozialen Medien von psychischen Erkrankungen und vergleichen ihre Symptome mit denen, die sie online finden. Mit der fixen Idee einer psychischen Erkrankung diagnostizieren sie sich mithilfe von KI-Chatbots selbst. Bei der Psycholog:in/Psychotherapeut:in erwarten sie sich anschließend eine Bestätigung ihrer Diagnose. Selbstdiagnosen sind in vielen Fällen aber nicht zielführend, weil die Diagnoseerstellung ein komplexer Prozess ist, der den ausgewiesenen Expert:innen vorbehalten ist. Haid: _„Psychische Erkrankungen werden dort oft verkürzt, vereinfacht oder sogar romantisiert dargestellt. Fundierte Diagnostik hingegen ist ein hochkomplexer Prozess, der immer die individuelle Lebensgeschichte, Beziehungserfahrungen, Entwicklungsdynamiken und das aktuelle psychosoziale Umfeld eines Menschen miteinbezieht.“_
RÜCKZUG BIS IN DIE VEREINSAMUNG
Durch die vielen digitalen Kontakte in der Online-Welt und der Zeit, die auf diesen Plattformen verbracht wird, haben immer mehr Kinder und Jugendliche Probleme in der realen Welt. Die Behandler:innen von „Gesund aus der Krise“ beobachten bei 72 Prozent der Klient:innen häufig oder sehr häufig soziale Unsicherheit oder Angst in direkten Begegnungssituationen. Ein zentraler Punkt ist der beobachtete Sprachverlust. Jugendliche finden oft kaum noch Worte für ihr inneres Erleben, was nicht nur reale Gespräche, sondern auch den therapeutischen Prozess massiv erschwert. Rund 45 Prozent der Behandler:innen beobachten häufig oder sehr häufig Schwierigkeiten, digitale Erfahrungen in Worte zu fassen. _„Wenn die Sprache verkümmert, verkümmert das soziale Leben,“ _warnt Wimmer-Puchinger.
Viele Kinder und Jugendliche entwickeln zunehmend ein eingeschränktes Interessensfeld, das sich stark auf die Nutzung des Smartphones konzentriert, während Aktivitäten außerhalb digitaler Medien an Bedeutung verlieren. Gleichzeitig wird das Internet von vielen jungen Menschen als Schutzraum wahrgenommen, dient als Strategie zur Vermeidung von Problemen im Alltag und kostet zugleich wertvolle Zeit. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Gruppe der sogenannten NEETs (Not in Employment, Education or Training) wider: In Österreich befanden sich zuletzt 121.930 junge Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren, die weder in Ausbildung noch in einer Maßnahme des Arbeitsmarktservice (AMS) oder in Beschäftigung waren (Statistik Austria März 2026).
DEMOKRATIE UND MEDIENKOMPETENZ BRAUCHEN DIGITALE MÜNDIGKEIT
Kindheit und frühe Adoleszenz sind zentrale Entwicklungsphasen, in denen ein stabiles Selbstbild, emotionale Selbstregulation, soziale Kompetenzen sowie Impulskontrolle aufgebaut werden. Ein früher und intensiver, unbegleiteter Zugang zu sozialen Medien kann diese Prozesse beeinträchtigen, da digitale Inhalte stark auf Selbstwert, Identitätsbildung und soziale Vergleichsdynamiken wirken. Ein Social-Media-Verbot ist eine Notwendigkeit, um die Entwicklung der jungen Psyche zu schützen. Ein zu früher und zu unreflektierter Eintritt in soziale Medien kann demokratische Entwicklungsprozesse gefährden.
_„Neben den gesetzlichen Regelungen braucht es vor allem eine breite gesellschaftliche Diskussion darüber, wie wir Kinder und Jugendliche psychisch stärken können. Medienkompetenz bedeutet nicht nur zu wissen, wie digitale Plattformen funktionieren – sondern auch, die eigene Psyche schützen zu können,“ _informiert Haid.
_„Eine gute Fähigkeit der Emotionsregulation, Nein-Sagen-Lernen, ein starker Selbstwert und gute soziale Interaktionsfähigkeit: Das lernen Kinder und Jugendliche aber nur in der realen Welt. Deshalb: Reality first,“_ so Scheibenbogen.
„GESUND AUS DER KRISE“: JETZT WICHTIGER DENN JE
Das Mental-Health-Projekt „Gesund aus der Krise“ half bereits mehr als 54.000 Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch professionelle klinisch-psychologische, gesundheitspsychologische, psychotherapeutische und musiktherapeutische Behandlung. Das Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz hat 35,15 Millionen Euro für die aktuelle Projektphase zur Verfügung gestellt. Abgewickelt wird „Gesund aus der Krise” vom Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP) in Kooperation mit dem Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP). Seit Frühjahr 2024 ist der Österreichische Berufsverband für Musiktherapie (ÖBM) ein weiterer Umsetzungspartner.
Ein Behandler:innen-Pool von rund 1.500 Klinischen Psycholog:innen, Gesundheitspsycholog:innen, Psychotherapeut:innen und Musiktherapeut:innen ermöglicht die erfolgreiche Umsetzung. Unsere Klient:innen werden in Summe in 27 Behandlungssprachen betreut. „Gesund aus der Krise“ hilft nachweislich: Das hat die Universität Innsbruck (Institut für Psychologie) in ihrer Evaluierung eindrucksvoll bestätigt. Es wurden Daten von über 15.000 jungen Menschen über drei Jahre hinweg ausgewertet.
_„Unsere Behandler:innen haben bereits sehr viel Kompetenz im Umgang mit den psychischen Folgen von Social Media. Gesund aus der Krise wird eine zusätzliche Initiative starten, diese Kompetenz weiter zu erhöhen,“_ so Wimmer-Puchinger und Haid abschließend.
Mag.a Gudrun Kreutner-Reisinger
Kommunikation „Gesund aus der Krise“
0699 1105 4001
gk@gudrunkreutner.com
Alexander Berger, MA
Projektleitung „Gesund aus der Krise“
0670 350 48 46
alexander.berger@gesundausderkrise.at
Christoph Ertl
Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und
Konsumentenschutz
0664 88 777 555
christoph.ertl@sozialministerium.gv.at
www.gesundausderkrise.at | www.boep.or.at | www.psychotherapie.at
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