
Alpenverein: „Doppelt so teuer wie im Tal“ – Hüttenbau zwischen Kostenanstieg, extremen Bedingungen und Nachhaltigkeit
Anspruchsvolle Sanierungsarbeiten an der hochalpinen Glungezer-Hütte in Tirol ab 2027 – Erhalt alpiner Infrastruktur ohne ehrenamtliches Engagement nicht möglich.
DER ÖSTERREICHISCHE ALPENVEREIN STEHT BEI UM- UND ERSATZBAUTEN VON SCHUTZHÜTTEN VOR GROSSEN HERAUSFORDERUNGEN: DIE MODERNISIERUNG VIELER ALTER GEBÄUDE IST UNVERMEIDLICH, GLEICHZEITIG IST DAS BAUEN IM HOCHGEBIRGE NEBEN ALLGEMEIN STARK GESTIEGENEN KOSTEN RUND DOPPELT SO TEUER WIE IM TAL. EXTREME LAGEN, KURZE BAUZEITEN UND AUFWÄNDIGE LOGISTIK ERSCHWEREN DIE UMSETZUNG. TROTZDEM VERSUCHT DER ALPENVEREIN, MEHRERE HÜTTEN ZUKUNFTSFIT ZU MACHEN – ETWA BEIM GEPLANTEN UMBAU DER GLUNGEZER-HÜTTE DES ALPENVEREIN HALL IN TIROL: AB 2027 SOLLEN AUF 2.610 METERN NEBEN SCHLAFLAGERN SOWIE PÄCHTER- UND SANITÄRBEREICHEN AUCH WEITERE TEILE ERNEUERT WERDEN. INSGESAMT WÄRE DER ERHALT DER ALPINEN INFRASTRUKTUR IN ÖSTERREICH OHNE DAS UNENTGELTLICHE ENGAGEMENT DER EHRENAMTLICHEN NICHT MÖGLICH.
Die Sanierung und Modernisierung alpiner Schutzhütten stellt den Österreichischen Alpenverein und die hüttenbesitzenden Sektionen vor große Herausforderungen. Viele Hütten sind über 100 Jahre alt und müssen in den kommenden Jahren umfassend saniert oder ersetzt werden. Eine zentrale Herausforderung sind dabei die Kosten: „Die Baukosten sind in den letzten Jahren stark gestiegen. Und im Hochgebirge ist Bauen in der Regel rund doppelt so teuer wie im Tal“, erklärt GEORG UNTERBERGER, LEITER DER ABTEILUNG HÜTTEN UND WEGE IM ÖSTERREICHISCHEN ALPENVEREIN. Bereits die Planung ist etwa aufgrund höherer Anforderungen an Statik und Windlasten anspruchsvoller. Auch die zahlreichen behördlichen Genehmigungsverfahren stellen im zeitlichen Ablauf in der Regel eine große Herausforderung dar.
Ein aktuelles Beispiel für die Herangehensweise des Alpenvereins an Umbauten im Hochgebirge ist die Glungezer-Hütte in Tirol. Dieser Umbau ist durch ihre wetterexponierte Lage auf 2.610 Metern geprägt. Rund um die Hütte können Windböen von bis zu 250 km/h auftreten. Auf Grund der Witterung ist die Bauzeit auf Juni bis September begrenzt, die Logistik ist anspruchsvoll und erfordert eine exakte Planung.
Wie bei anderen Alpenvereinsprojekten im Hochgebirge spielt auch bei diesem Umbau die Vorfertigung eine große Rolle: Bauteile werden im Tal produziert, sodass fast nur tatsächlich benötigtes Material transportiert wird und Nachlieferungen oder Abfälle am Berg weitgehend entfallen.
HÜTTEN LANGFRISTIG ZUKUNFTSFIT MACHEN
Im Alpenverein werden grundsätzlich keine neuen Standorte erschlossen. Der Fokus liegt auf der Sanierung bestehender Hütten und auf notwendigen Ersatzbauten. Ziel ist es, die Hütten zukunftsfit zu machen: mit geringem Energieverbrauch, möglichst eigener Energieproduktion und einem sparsamen Umgang mit Wasser. Nachhaltige Bauweisen und ressourcenschonende Materialien sind beim Bauen wichtig. Bestehende Strukturen der Hütten werden möglichst erhalten, um Ressourcen zu schonen, aber auch um den ursprünglichen Hüttencharakter zu bewahren.
Auch der Klimawandel stellt den Alpenverein vor zusätzliche Herausforderungen: Veränderungen bei Wasserverfügbarkeit und Standortstabilität können den Betrieb besonders bei hochgelegenen Hütten erschweren und Anpassungen an der Infrastruktur erforderlich machen.
GLUNGEZER-HÜTTE: UMBAU NACH ARCHITEKTURWETTBEWERB
Um optimale Lösungen beim Bau und der Sanierung von Schutzhütten individuell zu entwickeln, richtet der Österreichische Alpenverein mit den Sektionen seit den 2000er-Jahren Architekturwettbewerbe aus. So auch bei der Glungezer-Hütte (2.610 m, Tirol, Tuxer Alpen) des Alpenverein Hall in Tirol, wo der Tiroler Architekt Armin Neurauter überzeugen konnte. Ab 2027 soll die ursprünglich 1932 errichtete Hütte umfassend saniert werden, um den ganzjährigen Betrieb langfristig sicherzustellen.
„Grund für die Maßnahmen sind erhebliche Mängel der bestehenden Bausubstanz. Ohne Sanierung würden wichtige Bereiche langfristig nicht mehr den betrieblichen, energetischen, bautechnischen und gesetzlichen Anforderungen entsprechen“, erklärt ROMED GINER, 1. VORSITZENDER DES ALPENVEREIN HALL IN TIROL.
GLUNGEZER-HÜTTE: HISTORISCHEN CHARAKTER ERHALTEN
Geplant sind unter anderem die Erneuerung der in die Jahre gekommenen Schlaflager und Sanitärbereiche sowie adäquate Unterkünfte für Pächter und Personal. Zentrale Neuerung ist die Optimierung und Neuausrichtung der Betriebsorganisation inkl. Erschließung sowie energetische, statische und geologische Maßnahmen. Die Anzahl der Schlafplätze auf der Hütte bleibt unverändert bei 48 Betten.
Um den Charakter der Hütte zu bewahren, bleiben prägende Elemente möglichst erhalten. Dazu zählen die historische Prachensky-Stube des Tiroler Architekten Theodor Prachensky aus dem Jahr 1935 sowie die Natursteinfassade.
Die Kosten des Umbaus liegen bei rund drei Millionen Euro. Die Hütte bleibt während der gesamten Sommersaison 2027 geschlossen.
ERHALT DER ALPINEN INFRASTRUKTUR OHNE EHRENAMT NICHT MÖGLICH
Der Erhalt und die Weiterentwicklung der Hütten sind ohne ehrenamtliches Engagement nicht möglich. „Nur mit den Ehrenamtlichen wird es möglich bleiben, unsere alpine Infrastruktur als die Grundlage des ‚wanderbaren Österreich‘ für Einheimische wie Touristen und als das effizienteste Instrument der Besucherlenkung zu bewahren“, betont GEORG UNTERBERGER.
Wie wichtig dieses Engagement ist, zeigt etwa die Gamskarkogel-Hütte in Salzburg: Dort wurden durch 40 Freiwillige und 4.400 ehrenamtliche Arbeitsstunden in zehn Wochen rund 75 Tonnen Material verarbeitet. Der Großteil der Arbeiten erfolgte in Eigenregie.
Positiv hebt Unterberger auch die Zusammenarbeit mit Unternehmen und Behörden hervor. Für den langfristigen Erhalt der alpinen Infrastruktur brauche der Alpenverein jedoch auch dringend verlässliche Finanzierungsperspektiven.
WENN MAN VON SANIERUNGEN UND ERSATZBAUTEN BEI ALPENVEREINSHÜTTEN SPRICHT, ZEIGEN NEBEN DEM UMBAU DER GLUNGEZER-HÜTTE AUCH PROJEKTE WIE DAS HINTERALM-HAUS, DAS SCHNEEALPEN-HAUS, DIE REICHENSTEIN-HÜTTE (ALLE STEIERMARK) UND DIE GAMSKARKOGEL-HÜTTE (SALZBURG) DIE STEIGENDEN ANFORDERUNGEN IM ALPINEN HÜTTENBAU. MEHR INFOS UNTER: 11.06.2026 – HÜTTENBAU ZWISCHEN KOSTENANSTIEG, EXTREMEN BEDINGUNGEN UND NACHHALTIGKEIT ALPENVEREIN
Mag. Peter Neuner-Knabl
Österreichischer Alpenverein
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