
Tolia Astakhishvili, Figure of the Child
Ab 20. Juni 2026 zeigt das mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien die erste museale Einzelausstellung der georgischen Künstlerin Tolia Astakhishvili. _Figure of the Child_ erstreckt sich über zwei Ebenen des Hauses. Die Ausstellung ist bis 1. November 2026 zu sehen.
Tolia Astakhishvili entwickelte für das mumok eine raumgreifende Installation, die die Grenzen zwischen Kunst, Architektur und den Betrachtenden aufhebt. Rampen, Spiegel, Rohre und Schächte verschieben Blickachsen und verweisen auf ein Dahinter und Darunter, das sich dem direkten Blick entzieht. Momente des Rohen und Unfertigen prägen den Raum: Ausgesonderte Materialien werden wiederverwendet, Oberflächen behandelt und mit Zeichnungen versehen, die etwa nur zum Teil ausgearbeitete Figuren zeigen. Diese Zeichnungen treten in Dialog mit ihrer Umgebung und machen architektonische Spuren als bildnerische Setzungen lesbar.
Die „Figur des Kindes“, nach der die Ausstellung benannt ist, steht für einen Zustand gleichzeitiger Autonomie und Abhängigkeit. Aus dieser Spannung heraus entfaltet die Ausstellung eine Reflexion über Vorstellungen von Zuhause, Behausung und Zugehörigkeit, über Gefühle von Verunsicherung und Verlust sowie das Bedürfnis nach Schutz. Der Raum schreibt keine feste Route für einen Rundgang vor: Gegenstände, Spiegel und Licht ermöglichen unterschiedliche Richtungen, ohne sie zu erzwingen.
Fatima Hellberg, mumok Generaldirektorin und Kuratorin der Ausstellung, sagt: „Tolia Astakhishvili behandelt das Museum nicht als „white cube“, sondern als Gebäude mit Geschichte, Struktur und physischer Präsenz. Ihre Ausstellung ist vor Ort und aus diesem Haus heraus entstanden, sie lässt sich nicht woanders reproduzieren. Das ist eine der dichtesten und persönlichsten Positionen, die wir je gezeigt haben.“
In die raumgreifende Installation sind Werke aus der mumok-Sammlung direkt integriert, darunter ausgewählte Arbeiten von Günter Brus, Nan Goldin, Charlotte Moorman & Nam June Paik, Pablo Picasso, Charlotte Posenenske, Dieter Roth und Heimo Zobernig. Aus unterschiedlichen Kontexten stammend, werden die Sammlungswerke Teil einer Reflexion über Geschichte als Schichtung und darüber, was wir aufbewahren, wegwerfen oder dem Verfall überlassen. Die Auswahl verfolgt zentrale Motive der Ausstellung weiter: die Idee einer Schachtel als miniaturhafte Behausung, Alltagsgegenstände, das Neugeborene als Schwellenwesen, Oberflächen als Träger von Markierungen. Daneben finden sich Werke langjähriger Weggefährt*innen und Familienmitglieder der Künstlerin.
Co-Kuratorin Manuela Ammer: „Tolia Astakhishvili baut ihren eigenen Raum im Raum und setzt damit eigene Maßstäbe und Narrative. Was zunächst wie ein bewohntes, provisorisches Gefüge erscheint, erweist sich als präzise komponierte Umgebung, in der jede Ecke, jeder Umweg und jede Spiegelung eine bewusste Setzung ist. Die Sammlungswerke werden dabei Teil dieser neuen, vielschichtigen Erzählung.“
Der Zugang zur Ausstellung auf Ebene -4 erfolgt durch einen roten Tunnel, an dessen Ende sich ein Fenster öffnet. Der Blick richtet sich auf das Fragment eines Badezimmers, dessen Rohre ohne Anschluss frei im Raum stehen. Die Ausstellung gibt keine feste Route vor: So veranlasst etwa eine Ansammlung von Gegenständen, um eine Ecke zu blicken, oder ein Spiegel lenkt in eine neue Richtung.
Astakhishvili interessiert sich für Übergangszustände: für Schwellen, an denen Wahrnehmung neu justiert wird. Auf den vielschichtigen Oberflächen der Installation präsentiert sie Zeichnungen, die häufig nur zum Teil ausgearbeitete Figuren zeigen und in Dialog mit ihrer Umgebung treten. Bewegung wird zum Umweg, das Direkte erscheint zunehmend abwegig.
„Ich arbeite mit dem, was vorhanden ist: dem Ort, seiner Geschichte, seinen Spuren. Ich möchte verstehen, was ein Raum schon enthält, bevor ich etwas hinzufüge. Ich habe mehrere Monate in diesem Haus verbracht und diese Ausstellung hier entstehen lassen, in einem offenen Prozess, an dem viele Menschen teilhatten.“, sagt Tolia Astakhishvili.
Der Entstehungsprozess der Ausstellung war bereits ab 22. Mai öffentlich zugänglich: Im Rahmen des Tolia Curriculum lud das mumok vier Wochen lang täglich zu Workshops, Vorträgen, Filmvorführungen, Lesungen und partizipativen Formaten ein – erstmals in der Geschichte des Hauses. Auch nach der Ausstellungseröffnung bleibt Ebene -2 ein Ort für Veranstaltungsformate.
Am Dienstag, den 23. Juni, um 19 Uhr findet ein Gespräch zwischen Hans Ulrich Obrist und Fatima Hellberg über Tolia Astakhishvilis künstlerische Praxis sowie ihren Umgang mit Raum statt.
_Figure of the Child_ ist die erste museale Einzelausstellung von Tolia Astakhishvili (*1974, Tbilisi). Zuletzt war die Künstlerin mit Einzelausstellungen in der Nicoletta Fiorucci Foundation Venedig (2025), im SculptureCenter New York (2024) und im Haus am Waldsee Berlin (2023) sowie in Gruppenausstellungen im MoMA PS1 New York (2025) vertreten. Sie lebt und arbeitet in Tbilisi und Berlin.
Teilnehmende Künstler*innen: Vito Acconci, Zurab Astakhishvili, Aurel, Ştefan Bertalan, Karl Blossfeldt, Kaucyila Brooke, Veronica Brovall, Günter Brus, Elene Chantladze, James Ensor, Nan Goldin, Yaryna Fedoriv, Irma Gubeladze, Ull Hohn, Joe Jones, Paul Joostens, Louise Lawler, Charlotte Moorman & Nam June Paik, Dylan Peirce, Pablo Picasso, Charlotte Posenenske, Alexandra Ranner, James Richards, Irena Rosc, Medardo Rosso, Dieter Roth, Maka Sanadze, Stefan Wewerka, Heimo Zobernig
Pressefotos zum Download: https://www.mumok.at/presse/kuenftige-ausstellungen/tolia-astakhishvili
mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien
Mag. Katharina Murschetz (Leitung)
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