
In Memoriam Elfie Semotan (1941–2026)
Die art_curia / Kurie Kunst trauert um Elfie Semotan.
Elfie war da. Sie war präsent. Sie hörte zu, fragte nach, bezog Stellung. Und das, obwohl sie längst zu jenen seltenen Persönlichkeiten gehörte, die nichts mehr beweisen mussten. Ihre Autorität erwuchs nicht aus Lautstärke, sondern aus Erfahrung, Integrität und einem tiefen Verständnis für die Bedeutung von Kunst.
Innerhalb der art_curia war sie eine treibende Kraft. Mit Bestimmtheit und viel weiblichem Charme unterstützte sie Initiativen und Anliegen der Kurie Kunst, insbesondere dort, wo es darum ging, aktuelle Entwicklungen und Konflikte aus der Sicht der Kunst zu reflektieren und daraus Positionen von allgemeiner Relevanz zu formulieren. Sie vertrat mit Nachdruck die Auffassung, dass sich eine Gemeinschaft von Künstlerinnen und Künstlern, Denkern und Intellektuellen – darunter Persönlichkeiten wie Kiki Smith, Michel Houellebecq, Peter Sloterdijk, Gerhard Rühm oder Patti Smith – ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein müsse, gerade in einer Zeit wie dieser.
Obwohl sie mit Ausstellungen ihrer eigenen Arbeit, mit dem Film über Martin Kippenberger, ihrem zweiten Mann, mit dem Nachlass von Kurt Kocherscheidt und nicht zuletzt mit ihren Söhnen August und Ivo beschäftigt war, blieb sie aufmerksam und engagiert. Noch vor nicht allzu langer Zeit haben wir gemeinsam den Bundespräsidenten in der Hofburg zu besucht, um ihn von der Bedeutung unserer Anliegen zu überzeugen – bis wir schließlich feststellen mussten, dass er ohnehin längst überzeugt war. Was blieb, waren Gespräche, Beobachtungen und Eindrücke. Die Hofburg sah man plötzlich auch mit ihren Augen: mit diesem schnellen, scharfen und nahezu untrüglichen Blick und vermutlich war es naheliegend, dass unsere Gespräche noch lange danach um „ästhetische Intelligenz“ kreisten.
Ich glaube, ich lernte Elfie vor einer Ewigkeit kennen. Vielleicht Anfang der siebziger Jahre, als ich mit dem kanadischen Fotografen Brian Spence befreundet war, der damals im Atelier des Filmemachers John Cook arbeitete. Wirklich näher gekommen sind wir einander jedoch später, gemeinsam mit Kurt Kocherscheidt, ihrem Mann, einem der feinsinnigsten und konsequentesten Künstler, denen ich begegnet bin und den ich bis heute besonders schätze. Das war anlässlich einer Ausstellung, die ich 1989 in Budapest gestaltete.
Obwohl wir einander während jener Jahre, in denen Elfie internationale Anerkennung und Weltgeltung erlangte, oft lange Zeit nicht gesehen haben – manchmal ein ganzes Jahrzehnt –, blieb sie mir immer vertraut. Immer nah. Wenn wir einander wieder begegneten, schien keine Zeit vergangen zu sein. Wir konnten über alles sprechen: über Kunst, über Menschen, über die Politik, die uns beide oft gleichermaßen beschäftigte, oft auch ärgerte, nicht zuletzt wegen jener Provinzialität, die sich in dieser Stadt und in diesem Land immer wieder erstaunlich hartnäckig behauptet.
Wer Elfie verstehen wollte, musste auch ihren Ort kennen. Jenen alten Bauernhof zwischen Ungarn und Slowenien, den sie gemeinsam mit Kurt Kocherscheidt aufgebaut hat. Ein Rückzugsort und zugleich eine Wirkungsstätte. Ein Ort der Konzentration, der Natur und der Arbeit. Dort wurde spürbar, wie eng für sie Kunst, Landschaft, Freiheit und Leben miteinander verbunden waren. Dort traf man gelegentlich auch August und Ivo, und dort erschloss sich etwas Wesentliches von ihrem Verständnis der Welt.
Noch vor wenigen Wochen hatten wir einen Fototermin mit meiner Familie, Elisabeth und Louisa, in der Ausstellung von Helmut Lang vereinbart. Dazu ist es leider nicht mehr gekommen.
Nun ist es an mir, mich im Namen der Kurie von Elfie Semotan zu verabschieden. Wir verdanken ihr nicht nur ihre Unterstützung, ihre Klarheit und ihre Freundschaft, sondern auch viele wunderbare gemeinsame Augenblicke.
Elfie Semotan war in vieler Hinsicht einzigartig. Nicht nur als Ikone der Kunst-, Werbe- und Modefotografie. Nicht nur als prägende Stimme einer visuellen Kultur, deren Einfluss weit über Österreich hinausreicht. Sie war vor allem ein außergewöhnlicher Mensch: unabhängig, wach, mutig, elegant, humorvoll und von einer seltenen geistigen Großzügigkeit.
Ihr Blick auf die Welt war präzise, ihr Urteil klar, ihre Loyalität unverwechselbar. Sie hinterlässt Spuren in der Kunst, in der Fotografie und in den Erinnerungen jener, die das Glück hatten, ihr zu begegnen.
Wir werden sie vermissen.
Sehr.
Peter Noever, Chair art_curia, Juni 2026
Office Kurie Kunst
Charlotte Sucher
Telefon: 0664 3081900
E-Mail: charlotte.sucher@aon.at
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