teilhaben teilsein: Getrennte Wirklichkeiten – Jugend in der Informationsdiaspora?

Soziale Medien erleichtern politische Teilhabe, schwächen aber die Bindekraft gemeinsamer Öffentlichkeit

Informierte Bürgerinnen und Bürger sind Grundlage einer funktionierenden Demokratie. Politische Teilhabe setzt das Wissen darüber voraus, worüber auf welcher Faktenbasis entschieden wird, um unterschiedliche Positionen einordnen und sich ein eigenes Urteil bilden zu können. Die Bedingungen, unter denen dieses Wissen entsteht, haben sich grundlegend verändert. Politische Information zirkuliert heute in einer kaum überschaubaren Vielzahl medialer Räume, in denen sich Nachrichten, Unterhaltung, Werbung, persönliche Kommunikation und Selbstdarstellung überlagern. Damit stellt sich nicht nur die Frage, welchen Informationen Menschen vertrauen können, sondern auch, ob unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen noch über dieselben Ereignisse sprechen und ihre Urteile auf einen gemeinsamen Wirklichkeitsbezug gründen.

Diese Entwicklung betrifft die Gesellschaft als Ganzes, Jugendliche aber in besonderem Maße. Während ältere Generationen zumindest noch über Erfahrungen mit den klassischen Massenmedien als zentrale Informations- und Sozialisationsinstanzen verfügen, wachsen junge Menschen von Beginn an in einer fragmentierten und zunehmend personalisierten Öffentlichkeit auf. Dort suchen sie nicht nur nach Information und politischer Orientierung, sondern auch nach Anerkennung, Zugehörigkeit und Deutungsmustern für die eigene Identität. Die Bezeichnung „Digital Natives“ kann dabei darüber hinwegtäuschen, dass technische Vertrautheit nicht automatisch Medienmündigkeit bedeutet. Die Parlamentskorrespondenz geht im Rahmen des Jahresschwerpunkts „teilhaben teilsein“ der Frage nach, wie die digitale Medienwelt politische Teilhabe und gesellschaftliche Öffentlichkeit verändert – und was diese Entwicklung gerade für junge Menschen bedeutet.

NACHRICHTEN ZWISCHEN UNTERHALTUNG UND NEBENBEI-KONSUM

Das Smartphone ist für Jugendliche Kommunikationsmittel, Unterhaltungszentrum und Nachrichtenkanal zugleich. Wie viel Raum es in ihrem Alltag einnimmt, wurde für Österreich im Rahmen der „mental health days“-Studie 2025 erhoben. Demnach verbrachten die mehr als 8.000 befragten Schülerinnen, Schüler und Lehrlinge täglich im Schnitt 190 Minuten am Smartphone. Die vom österreichischen Parlament beauftragte Studie „Junge Menschen & Demokratie 2025“ des FORESIGHT-Instituts zeigt, wie rasch soziale Medien zum politischen Informationskanal geworden sind. 69 % der 16- bis 26-Jährigen informierten sich dort zumindest einmal pro Woche über Politik. 2018 waren es erst 30 %. Mit 72 % war Instagram unter den jungen Menschen, die soziale Medien zumindest selten als politische Informationsquelle nutzten, die wichtigste Plattform, gefolgt von TikTok mit 37 %.

Die Plattformen ersetzen andere Medien jedoch nicht vollständig. Von jenen, die soziale Medien oder KI-Chatbots zur politischen Information nutzten, griffen 78 % zusätzlich auf Tageszeitungen, Fernsehen oder Radio zurück. Auffällig ist dabei die Kluft zwischen Reichweite und Glaubwürdigkeit. Während rund drei Viertel der Nutzerinnen und Nutzer von Tageszeitungen, Fernsehen oder Radio dem jeweiligen Medium vertrauten, brachte nur ein Fünftel der Nutzerinnen und Nutzer sozialen Medien Vertrauen entgegen. Der Nachrichtenkontakt verlagert sich somit ausgerechnet in jene Räume, denen junge Menschen selbst nur eingeschränkt Glaubwürdigkeit zuschreiben.

Nachrichten begegnen ihnen dort häufig nicht als abgegrenztes Angebot, sondern im selben Feed wie Musik, Memes, Werbung, private Beiträge und kurze Videos. Politische Information wird damit weniger gezielt gesucht, sondern vielfach nebenbei aufgenommen. Auf internationaler Ebene beschreibt das Reuters Institute diesen Wandel als Übergang von „online first“ zu „social first“: 2015 nannten 21 % der 18- bis 24-Jährigen soziale Medien als wichtigste Nachrichtenquelle, 2025 waren es 39 %. Nachrichtenwebsites und -Apps verloren im selben Zeitraum an Bedeutung. Auf Plattformen orientieren sich junge Menschen zudem stärker an einzelnen Personen als an Medienmarken. Dieser Wandel verändert auch die Form der Nachricht. Information muss im Strom konkurrierender Inhalte rasch erkennbar, emotional anschlussfähig und leicht teilbar sein. Das kann Zugänge zu politischen Themen öffnen, schwächt aber die direkte Bindung an jene Redaktionen, die Informationen recherchieren, prüfen und einordnen. Dass sich junge Menschen seltener bewusst klassischen Nachrichtenangeboten zuwenden, bedeutet dabei nicht, dass sie von der Welt abgekoppelt sind. Ihr Informationsbegriff ist breiter, ihr Nachrichtenkontakt vielfältiger, aber auch flüchtiger.

Darin zeigt sich eine grundlegende Ambivalenz der digitalen Medienrevolution: Sie hat den Zugang zu Information erleichtert, aber zugleich jene Strukturen geschwächt, die Informationen auswählten, überprüften und zu einer gemeinsamen Öffentlichkeit bündelten.

DIGITALE DEMOKRATISIERUNG MIT NEBENWIRKUNGEN

Mit dem Internet verband sich lange die Hoffnung, dass der Zugang zu Wissen niederschwelliger und damit auch die Hürden für die Teilnahme am öffentlichen Diskurs sinken würden. Aus passiven Medienkonsumentinnen und -konsumenten sollten selbstbewusste Teilnehmerinnen und Teilnehmer an gesellschaftlichen Debatten werden. So erwartete der US-amerikanische Sozialwissenschaftler Howard Rheingold in seinem 1993 erschienenen Buch „The Virtual Community: Homesteading on the Electronic Frontier“, dass digitale Gemeinschaften neue Formen gesellschaftlicher Selbstorganisation und demokratischer Beteiligung hervorbringen könnten. Der französische Philosoph Pierre Lévy entwarf 1994 in „L’Intelligence collective“ die Vorstellung einer „kollektiven Intelligenz“, bei der das Wissen vieler Menschen über digitale Netze zusammengeführt wird. 2001 beschrieb der spanische Soziologe Manuel Castells in „The Internet Galaxy“, wie die horizontale Kommunikation im Netz etablierte Macht- und Kommunikationshierarchien aufbrechen und neue Möglichkeiten politischer Teilhabe eröffnen könne. Und in „The Wealth of Networks“ argumentiert der israelisch-amerikanische Rechtswissenschaftler Yochai Benkler wiederum, dass eine „vernetzte Öffentlichkeit“ Bürgerinnen und Bürger unabhängiger von klassischen Medien und deren Gatekeepern machen könne. Durch Blogs und andere Formen partizipativer Kommunikation erhoffte er sich die Entwicklung einer „kritischeren und selbstreflexiveren Kultur“.

Diese demokratischen Hoffnungen sind nicht verschwunden. Im Gegenteil: In vielerlei Hinsicht haben sie sich erfüllt, insbesondere mit Blick auf neue Formen politischer Mobilisierung. Der Arabische Frühling zu Beginn der 2010er-Jahre, die #MeToo-Bewegung und Fridays for Future: Wie auch immer man zu ihren Zielsetzungen, ihren Methoden und letztendlichen Ergebnissen stehen mag, sie verdankten ihre internationale Durchschlagskraft wesentlich den digitalen Medien und Kommunikationskanälen. Diese ermöglichten es den Menschen, sich zu organisieren, Erfahrungen öffentlich zu machen und klassische Zugangshürden zu umgehen. Gruppen, die in etablierten Medien wenig Gehör fanden, können heute eigene Öffentlichkeiten herstellen. Politische Kommunikation wurde dadurch vielfältiger, unmittelbarer und in vielen Bereichen tatsächlich partizipativer. Zudem standen noch nie so viele Informationen so rasch, günstig und niederschwellig zur Verfügung wie im digitalen Zeitalter.

Dennoch scheinen diese neuen demokratischen Möglichkeiten seit einigen Jahren zugunsten der Schattenseiten der digitalen Medien in den Hintergrund zu treten: Desinformation, algorithmisch erzeugte Echokammern, gesellschaftliche Polarisierung und der Zerfall einer gemeinsamen Öffentlichkeit. So lauten nur einige der Symptombeschreibungen, die immer wieder in Zeitdiagnosen und Kommentaren zirkulieren. Die gegenwärtigen Probleme könnten jedoch weniger darauf zurückzuführen sein, dass die demokratischen Versprechen des Internets unerfüllt geblieben wären, als vielmehr darauf, dass sie sich zumindest teilweise erfüllt haben – allerdings mit erheblichen Nebenwirkungen.

DAS ENDE DER „GATEKEEPER-GEMÜTLICHKEIT“

Auch der deutsche Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen zeichnet in seinem 2018 erschienen Buch „Die große Gereiztheit“ den Weg von der Utopie des Anfangs digitaler Kommunikationsmedien in die „Dystopie des Diskurses“ nach. Er illustriert diese Entwicklung mit dem Time Magazine, dass noch im Jahr 2006 den vernetzten Menschen als Person des Jahres auszeichnete und die Gesellschaft an der Schwelle zur digitalen Demokratie und einer Epoche der wechselseitigen Unterstützung sah. Zehn Jahre später titelte es mit „Why we are losing the internett to a culture of hate“ und zierte sein Cover mit einem bösartig wirkenden Troll.

Pörksen spricht von einer „in die Tiefe reichenden Neusortierung der Medien- und Machtverhältnisse“, einem „Interregnum der Kommunikation“, in dem „Dokumente der Aufklärung und des Hasses, seriöse Information und banale Narration“ gleichzeitig und nur einen Klick voneinander entfernt in den sozialen Medien zirkulieren. Er führt diese Entwicklungen unter anderem auf das Wegbrechen bzw. die Schwächung der klassischen „Filter- und Sortierungsinstanzen“ zurück. Die Zeit der „Gatekeeper-Gemütlichkeit“ sei vorbei und die Deutungshoheit von Journalistinnen und Journalisten gebrochen. Diese Öffnung des Diskurses ist laut Pörksen keineswegs pauschal zu beklagen, da nun auch wertvolle und bisher zu Unrecht marginalisierte Standpunkte sichtbar würden. Man müsse sich auch nicht die Sanktionsmöglichkeiten zurückwünschen, die die Grenzen des Sagbaren durch die „Sofortexklusion aus der Gemeinschaft der Wohlmeinenden sichert“.

DAUERIRRITATION UND WAHRHEITSKRISE

Das neue Kommunikations- und Informationsumfeld verändere aber die Bewusstseinslage des vernetzten Menschen. Pörksen spricht einerseits von einem „Zustand der Dauerirritation“, da an die Stelle der klassischen Gatekeeper nun weitgehend unsichtbare Instanzen getreten seien, die das, was öffentlich wirksam wird, mit Hilfe von Algorithmen vorfiltert, die nach dem „Primat der Emotion“ und nicht nach dem Informationswert organisiert seien. In der „Empörungsdemokratie“ gelte – frei nach dem kanadischen Medientheoretiker Marshall MacLuhan – das Motto: „Das Medium radikalisiert die Botschaft“.

Andererseits konstatiert Pörksen eine „Wahrheitskrise“, in der sich das Individuum in einem medientechnisch produzierten Dauerzustand der Ungewissheit zurechtfinden müsse. Die alte Medienwelt habe mit vergleichsweise mächtigen Gatekeepern eine Stütze klassischer Wahrheitskonzepte dargestellt. Deren Schwächung erzeuge eine allgemeine informationelle Verunsicherung bis hin zur Angst vor einer „Totalimplosion realer Bezüge“ – die aktuellen Entwicklungen auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz verleihen dieser Angst noch eine neue technische Plausibilität. Der Regisseur Werner Herzog plädiert vor diesem Hintergrund in seinem Buch „Die Zukunft der Wahrheit“ sogar für eine Umkehr der Unschuldsvermutung und die prinzipielle Annahme von „Manipulation, Propaganda und Lüge. Dies scheint mir die einzig richtige Haltung mit Fake News umzugehen“. Diese Haltung des „Totalzweifels“ führte Pörksen bei einer Keynote im österreichischen Parlament im Juni 2026 auf ein „betäubtes Wahrheitsempfinden“ in Folge einer „elementaren Deregulierung des Wahrheitsmarktes“ zurück (siehe PK 594/2026).

In „Die Realität der Massenmedien“ erklärte der Soziologe Niklas Luhmann 1995, „was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“. Laut seinem Fachkollegen Armin Nassehi gelte das „buchstäblich für alles“ – auch für eigene konkrete Erfahrungen bis hin zu Gefühlen und Stimmungen, die wir „mit Bildern und semantischen Formen abgleichen, die wir aus den Medien kennen“, wie er in „Muster: Theorie der digitalen Gesellschaft“ ausführt. Wenn dieser Argumentation nur ansatzweise gefolgt wird, was bedeutet es dann, wenn unter den neuen medialen Bedingungen letztlich der Einzelne selbst nach Pörksen das einzig verbliebene „strukturierende Moment der Öffentlichkeit“ darstellt und zum „Regisseur seiner Welterfahrung“ wird?

FOLGEN FÜR DIE IDENTITÄTSENTWICKLUNG

Eine Frage, die bereits erfahrene Medienkonsumentinnen und -konsumenten vor erhebliche Herausforderungen stellt, die noch mit den klassischen Massenmedien als zentraler Sozialisationsinstanz aufgewachsen sind. Für Jugendliche ist sie umso drängender. In einer fragmentierten Öffentlichkeit suchen sie nicht nur nach Informationen oder politischer Orientierung, sondern auch nach Anerkennung, Zugehörigkeit und Deutungsmustern für die eigene Erfahrung und Selbsterfahrung, wie etwa Andreas Reckwitz in „Die Gesellschaft der Singularitäten beschreibt. Der Medienwandel berührt damit zentrale Prozesse der Identitätsentwicklung.

Welche Folgen diese tiefgreifende Veränderung für die psychische Entwicklung junger Menschen hat, ist noch wenig erforscht. Einen viel beachteten Erklärungsansatz legte der US-amerikanische Sozialpsychologe Jonathan Haidt 2024 in „The Anxious Generation“ vor. Er führt die zunehmenden psychischen Belastungen Jugendlicher wesentlich auf den Übergang von einer spielbasierten zu einer smartphonebasierten Kindheit zurück. Als zentrale Mechanismen nennt er den Verlust unmittelbarer sozialer Erfahrungen, Schlafmangel, die Fragmentierung der Aufmerksamkeit und suchtähnliche Nutzungsmuster.

Für diese Diagnose gibt es auch in Österreich empirische Anhaltspunkte. So geht etwa laut der „mental-health-days“-Studie 2025 häufigere Nutzung sozialer Netzwerke mit mehr depressiven Symptomen und geringerer Lebenszufriedenheit einher. Die Befunde erlauben jedoch keine einfache Kausalerklärung, da psychische Belastungen durch bestimmte Nutzungsmuster verstärkt werden können. Umgekehrt ist ebenso denkbar, dass bereits belastete Jugendliche soziale Medien anders oder intensiver nutzen. Korrelationen zwischen zunehmender Plattformnutzung und psychischen Problemen belegen daher nicht automatisch, dass das eine die Ursache des anderen ist.

WER SYNCHRONISIERT DIE GESELLSCHAFT?

So grundlegend der gegenwärtige Medienwandel und seine Auswirkungen erscheinen mögen, so vertraut klingen viele der Befürchtungen, die ihn begleiten. Schon die klassischen Massenmedien standen im Verdacht, die Wirklichkeit zu verzerren, ihr Publikum zu manipulieren und den öffentlichen Diskurs zu verflachen. So spottete Karl Kraus bereits 1909 in der Zeitschrift Die Fackel: „Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können – das macht den Journalisten.“ Max Horkheimer und Theodor W. Adorno beschrieben die klassischen Massenmedien 1944 im Kapitel „Kulturindustrie“ ihrer „Dialektik der Aufklärung“ als ein System, in dem „alles mit Ähnlichkeit“ geschlagen werde, weil die scheinbare Vielfalt der Angebote letztlich immer gleichen Mustern und Verwertungslogiken folge. Peter Sloterdijk sprach im Jahr 2000 in „Die Verachtung der Massen“ noch vor der Etablierung sozialer Medien von einem massenmedial erzeugten „Affektregime des entfalteten Massennarzißmus“. Selbst die Erfahrung globaler Vernetzung und des Zustands der „Dauerirritation“ wurde erstaunlich früh vorweggenommen. Marshall McLuhan sah den Menschen bereits 1964 „von den Nerven der gesamten Menschheit umgeben. Sie sind nach außen gewandert und bilden eine elektrische Umwelt“, wie er in „Understanding Media: The Extensions of Man“ ausführte.

Vor diesem Hintergrund sind auch die häufigen Warnungen des klassischen Journalismus etwa vor „Fake News“ und „Hass im Netz“ differenziert zu betrachten. Desinformation, Einschüchterung und digitale Hetze sind reale Gefahren für die demokratische Öffentlichkeit, warnt etwa die UNESCO in ihren Leitlinien zur Regulierung digitaler Plattformen. Zugleich scheint die Einseitigkeit und Schärfe mancher Warnungen auch den Machtverlust jener widerzuspiegeln, die lange darüber entschieden, welche Themen und Stimmen öffentliche Aufmerksamkeit erhielten. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu beispielsweise erinnerte 1996 in „Über das Fernsehen“ daran, dass journalistische Medien Wirklichkeit nicht nur abbilden, sondern durch Auswahl und Gewichtung mit darüber entscheiden, „wer und was sozial und politisch existiert“. Diese exklusive Rolle als Gatekeeper haben Journalistinnen und Journalisten verloren. Sie konkurrieren heute mit Plattformen, politischen Akteurinnen und Akteuren, Influencerinnen und Influencern sowie ihrem eigenen Publikum um Deutungsmacht. Die Kritik an den neuen Kommunikationsverhältnissen ist daher mitunter auch die Kritik einer Institution an ihrem eigenen Bedeutungsverlust. Das entwertet journalistische Standards nicht. Im Gegenteil: Prüfung, Einordnung und Verantwortlichkeit gewinnen unter den gegebenen Informationsbedingungen an Relevanz und gehen nunmehr alle an – Bernhard Pörksen plädiert daher für eine „redaktionelle Gesellschaft“, in der diese Standards zu einem Element der Allgemeinbildung werden sollen. Es relativiert aber die Vorstellung, dass der entscheidende Unterschied darin liege, dass die klassische Medienwelt objektiv und die neue manipulativ wären.

Was ist also wirklich neu? Bei aller Kritik erfüllten die klassischen Massenmedien laut Armin Nassehi vor allem eine Synchronisationsfunktion. Ihre gesellschaftliche Leistung bestehe „weniger darin, Orientierung, Klarheit und Konsens zu vermitteln, sondern einen Ort zu bieten, an dem so etwas wie politische Überzeugungen repräsentiert werden können (…)“. Medien bildeten nicht vornehmlich ab, was ist – das sei eher ein Nebeneffekt. Sie „synchronisieren Unterschiedliches in Informationsform“, „erzählen konsistente Geschichten über eine diskontinuierliche Welt“ und machten sie damit „erzählbar“. Als Sozialisationsinstanz synchronisierten die Massenmedien damit auch das Individuum mit einer Welt, die weit über seinen unmittelbaren Erfahrungshorizont hinausreichte. Zugleich ermöglichten sie der Gesellschaft laut Nassehi eine Form der Selbsterfahrung: Sie machte sich über gemeinsam wahrgenommene Themen ein Bild von sich selbst. Diese Öffentlichkeit war weder neutral noch umfassend und führte keineswegs zu Konsens. Sie schuf aber einen gemeinsamen Gegenwartsbezug, vor dessen Hintergrund unterschiedliche Positionen als Positionen zu derselben Wirklichkeit erkennbar wurden.

Genau diese Leistung können soziale Medien nur eingeschränkt erbringen. Zwar synchronisieren auch sie ihre Nutzerinnen und Nutzer – allerdings innerhalb algorithmisch zusammengesetzter Teilöffentlichkeiten, die unterschiedlichen Themen, Erzählungen und Erregungszyklen folgen. Der Philosoph Günther Anders bezeichnete den Fernsehzuschauer 1956 in „Die Welt als Phantom und Matrize“ als „Massen-Eremiten“: Millionen Menschen saßen voneinander getrennt vor ihren Geräten, sahen aber weitgehend dieselben Bilder. Der heutige Nutzer sitzt ebenfalls allein vor seinem Bildschirm, bekommt jedoch eine eigens für ihn zusammengestellte Welt präsentiert. Jugendliche wachsen daher nicht nur mit unterschiedlichen Meinungen, sondern zunehmend in unterschiedlichen Wirklichkeitsausschnitten auf.

Damit berührt der Medienwandel eine zentrale Voraussetzung demokratischer Öffentlichkeit. Hannah Arendt sah in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ in Vereinzelung, Entwurzelung und dem Verlust einer gemeinsam geteilten Welt Bedingungen, unter denen geschlossene Ideologien wirksam werden können. „Was moderne Menschen so leicht in die totalitären Bewegungen jagt“, schrieb sie 1955, sei „die allenthalben zunehmende Verlassenheit“. Auch Peter Sloterdijk argumentiert in seinem jüngsten Werk „Der Fürst und seine Erben“ in eine ähnliche Richtung: „Die Krise der Demokratie, die heute in aller Munde ist, geht aus dem Kollaps des Glaubens an die Konvergenz der einzelnen Vernünftigkeiten hervor“. Daraus führt keine direkte Linie von sozialen Medien zum Totalitarismus. Diese Überlegungen machen aber deutlich, dass Demokratie mehr benötigt als den freien Zugang zu Informationen. Sie ist auf Bürgerinnen und Bürger angewiesen, die sich trotz unterschiedlicher Erfahrungen als Angehörige einer gemeinsamen Welt begreifen.

Vielleicht kommt dem Parlament in dieser fragmentierten Öffentlichkeit deshalb eine Bedeutung zu, die über Gesetzgebung und Kontrolle hinausgeht. Es ist einer der wenigen Orte, an denen unterschiedliche gesellschaftliche Wirklichkeiten institutionell aufeinandertreffen müssen. Regierung und Opposition, Mehrheiten und Minderheiten bringen ihre Deutungen in ein gemeinsames, öffentlich dokumentiertes Verfahren ein. Das Parlament kann die Synchronisationsleistung der klassischen Massenmedien nicht ersetzen. Es kann aber unterschiedliche Wahrnehmungen auf gemeinsame Gegenstände beziehen und sichtbar machen, worüber eine Gesellschaft streitet. In einer Medienwelt, die jedem Menschen eine andere Gegenwart präsentiert, könnte es so einer jener Orte sein, an dem die Gesellschaft nicht zu einer Meinung, wohl aber den Zugang zu einer gemeinsamen Wirklichkeit zurückfindet. (Schluss) wit

HINWEIS: Unter dem Titel „teilhaben teilsein“ rückt das Parlament die gesellschaftspolitische Teilhabe von jungen Menschen in den Mittelpunkt. Mehr Informationen zum Jahresschwerpunkt 2026 finden Sie unter www.parlament.gv.at/jahresschwerpunkt

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