
Neue Netzentgelte: Wer das Stromnetz entlastet, soll künftig weniger zahlen
Für die Stromnetzbetreiber liefert die neue Tarifstruktur die Voraussetzung für einen effizienteren Netzbetrieb und Dämpfung der Kosten für den Netzausbau.
Der Name ist ein Wort-Ungetüm, doch inhaltlich bringt die neuen Systemnutzungsentgelte-Grundsatzverordnung, erlassen von der E-Control, eine lang erwartete tiefgreifende Reform der Strom-Tarife. Die Höhe der Netzentgelte soll sich in Zukunft nicht allein nach dem Stromverbrauch richten, sondern auch nach der tatsächlich beanspruchten Netzleistung. „Damit werden zum einen die anfallenden Kosten gerechter aufgeteilt, zum anderen kann die Netzinfrastruktur effizienter genutzt werden“, erklärte der Geschäftsführer von Netz Burgenland, Florian Pilz, beim Energiepolitischen Hintergrundgespräch des Forums Versorgungssicherheit am 5. November 2026.
Hintergrund der Reform sind die langfristigen Veränderungen im Stromsystem, so Pilz. Der Ausbau von Photovoltaik und Windkraft im Zuge der Energiewende sowie die zunehmende Nutzung von Elektroautos, Wärmepumpen und Batteriespeichern stellen die Verteilernetze vor neue Herausforderungen. „Die Stromnetze von heute haben mit jenen von vor zwanzig Jahren nur noch wenig gemeinsam“, so Pilz. Früher wurde Strom in wenigen großen Kraftwerken erzeugt und über die Netze zu den Verbrauchern transportiert. Heute speisen hunderttausende dezentrale Anlagen Strom ein, gleichzeitig gehen durch Elektromobilität, Wärmepumpen und Speicher immer mehr Nutzer ans Netz, die Strom mit sehr hoher Leistung beziehen. Pilz: „Diese Entwicklung muss sich auch in der Tarifstruktur widerspiegeln. Die genutzten Kilowatt werden genauso wichtig wie die verbrauchten Kilowattstunden.“
HOHE SPITZENLEISTUNG
Die größte Herausforderung für die Netzbetreiber liegt in der Bewältigung hoher Leistungsspitzen aus Bezug und Einspeisung. Stromnetze müssen so dimensioniert sein, dass sie auch kurzfristig auftretende Höchstbelastungen bewältigen können. Außerhalb dieser Spitzenzeiten bleiben jedoch erhebliche Teile der vorhandenen Kapazitäten ungenutzt. Eine gleichmäßigere Auslastung könnte daher den erforderlichen Netzausbau deutlich reduzieren beziehungsweise zeitlich strecken.
Nach Schätzungen der Regulierungsbehörde E-Control könnten durch eine effizientere Netznutzung langfristig rund 300 Millionen Euro jährlich eingespart werden. Davon würden letztlich alle Netzkunden profitieren, weil geringere Investitionskosten den künftigen Anstieg der Netzentgelte dämpfen.
Pilz: „Wir werden unsere Stromnetze auch in Zukunft ausbauen müssen. Aber es macht einen gewaltigen Unterschied, ob wir jede kurzfristige Leistungsspitze mit zusätzlichen Leitungen und Transformatoren abdecken müssen oder ob wir durch Flexibilitäten und intelligente Steuerung die vorhandenen Kapazitäten besser nutzen können.“
DER NEUE LEISTUNGSPREIS
Mit der neuen Tarifstruktur soll ein Leistungspreis eingeführt werden. Für die Berechnung wird die höchste durchschnittliche bezogene Leistung innerhalb eines Viertelstundenintervalls im jeweiligen Monat herangezogen. Diese wird über den Smart Meter erfasst. Wer viele leistungsintensive Geräte gleichzeitig betreibt und dadurch hohe Lastspitzen verursacht, wird künftig stärker an den Netzkosten beteiligt. Wer seinen Strombezug gleichmäßiger gestaltet, kann hingegen sparen.
Die konkreten Tarife für 2027 werden von der E-Control voraussichtlich Mitte Dezember 2026 festgelegt. Zusätzlich sind weitere regulatorische Festlegungen für die einzelnen Umstellungsschritte erforderlich. Für die große Mehrheit der österreichischen Haushalte mit üblichen Elektrogeräten werden aber keine Mehrkosten anfallen. Im Gegenteil: Nach Berechnungen der E-Control könnten rund 75 Prozent der Zählpunkte künftig von niedrigeren Netzentgelten profitieren. Anders kann die Situation bei Haushalten mit hohen Leistungsanforderungen aussehen, etwa durch Elektroautos, Wärmepumpen oder Batteriespeicher. Hier wird künftig stärker entscheidend sein, wie diese Geräte betrieben werden. Wer beispielsweise sein Elektroauto mit geringerer Leistung über einen längeren Zeitraum lädt, anstatt gleichzeitig mit anderen großen Verbrauchern eine hohe Lastspitze zu erzeugen, kann seine Netzkosten reduzieren.
Die Umstellung soll schrittweise erfolgen, mit dem Ziel, dass am Ende der Netztarif je zur Hälfte aus Arbeitspreis (also dem Verbrauch) und dem Leistungspreis besteht.
Für die Netzbetreiber bringt die Umstellung keine zusätzlichen Einnahmen. Die tatsächlich angefallenen Netzkosten werden lediglich nach anderen Kriterien auf die Nutzer verteilt. „Die Netzbetreiber verdienen kein Körberlgeld“, stellt Pilz klar, „es geht nur darum, die Kosten fair, also verursachergerecht, aufzuteilen.“
Zusätzliche Anreize schaffen zeitvariable Netztarife. Bereits seit 2026 gilt der Sommer-Nieder-Arbeitspreis (SNAP), der zwischen April und September in den besonders PV-reichen Stunden von 10 bis 16 Uhr einen reduzierten Netzarbeitspreis vorsieht. Ab Oktober 2027 soll mit dem Winter-Nieder-Arbeitspreis (WiNAP) eine weitere Vergünstigung für den Strombezug zwischen 23 und 5 Uhr eingeführt werden. Voraussetzung ist die viertelstündliche Auslesung der Smart-Meter-Daten.
SPEICHER MÜSSEN DEM NETZ TATSÄCHLICH NÜTZEN
Eine besondere Rolle kommt künftig den Batteriespeichern zu. Sie können dazu beitragen, hohe Einspeisespitzen aus Photovoltaik- und Windkraftanlagen aufzunehmen und das Netz zu entlasten. Allerdings ist nicht jeder Speicher automatisch netzdienlich. Werden Speicher beispielsweise ausschließlich nach den Strompreisen an der Börse betrieben, können sie durch gleichzeitiges Laden zusätzliche Netzengpässe verursachen.
Entscheidend sind daher Standort, Anschlussleistung und tatsächliche Betriebsweise. Die neue Tarifstruktur sieht unter bestimmten Voraussetzungen Begünstigungen bei Netzanschluss-, Netznutzungs- und Netzverlustentgelten vor. Eine pauschale Befreiung aller Speicher von den Netzentgelten ist hingegen nicht vorgesehen.
„Speicher sind ein wichtiger Bestandteil des künftigen Energiesystems. Aber sie müssen dort eingesetzt und so betrieben werden, dass sie tatsächlich zur Entlastung der Netze beitragen. Es wäre widersinnig, Speicher generell von Netzentgelten zu befreien, wenn ihr Betrieb an manchen Standorten sogar zusätzlichen Netzausbau erforderlich macht“, erläutert Pilz.
TRANSPARENZ UND VERSTÄNDNIS
Die Einführung der neuen Netztarife muss von Information und Aufklärung begleitet werden, fordert Pilz: „Wir setzen einen wichtigen Schritt zu einem leistungsfähigeren und kosteneffizienteren Stromsystem. Damit die Reform ihre Wirkung entfalten kann, müssen die Kunden aber auch verstehen, wie sie ihre Netzkosten beeinflussen können. Transparenz, verständliche Informationen und verlässliche Rahmenbedingungen sind deshalb ebenso wichtig wie die neuen Tarifregeln selbst.“
Das Forum Versorgungssicherheit ist die gemeinsame Plattform von fünf Verteilernetzbetreibern: Wiener Netze, Netz Niederösterreich, Netz Burgenland, Linz Netz und Netz Oberösterreich.
Netz Burgenland
Gerhard Altmann
Telefon: +43 664 5125062
E-Mail: gerhard.altmann@netzburgenland.at
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