TIROLER TAGESZEITUNG „Leitartikel“ Mittwoch, 6. Mai 2020, von Markus Schramek: „Die Kultur, ein politisches Leichtgewicht“

Innsbruck (OTS) – Österreich kehrt unter den Vorzeichen von Corona in den neuen Alltag zurück. Kunst und Kultur finden sich am Rand wieder und warten noch immer auf eine Zukunftsperspektive. Es fehlt eine Lobby, eine Stimme von Gewicht.

Koste es, was es wolle! So lautete fast schon euphorisch das Motto zu Beginn der Corona-Krise, ausgerufen vom Finanzminister der Republik. Die Milliarden begannen zu rollen, immer heftiger, doch die schleunigst geschnürten Hilfspakete (= Steuergeld, das der Steuerzahler einst wieder zurückzahlen muss) erreichten nicht alle Betroffenen.
Zwei Monate nach der wundersamen Geldvermehrung tingelt Österreich wieder zurück in Richtung normal bzw. eben in Richtung dessen, was pro futuro unter „normal“ zu verstehen ist. Fast jeder hat nun so etwas wie den weiteren Fahrplan vor sich. Vom Kindergartenkind bis zum Großunternehmer hat der Staat den Rahmen für den Neustart abgesteckt.
Ein großer Teil der Kreativszene tappt dagegen immer noch im Dunkeln: Musikerinnen und Musiker, Sängerinnen und Sänger des ernsten und unterhaltenden Fachs, Schauspieler, Bühnenarbeiter und -techniker, all jene freiberuflichen Kräfte also, die auf Engagements und Aufträge angewiesen sind und sich nach bald acht Wochen verordneter Zwangspause am Rand ihrer Existenz wiederfinden.
Der Kulturbereich ist beim Wiederhochfahren der Republik vollends ins Hintertreffen geraten. Die Frage, ob und unter welchen Auflagen heuer noch Veranstaltungen möglich sein werden, taugt bestenfalls als Ratespiel. Die Zeit für ernsthafte Planungen ist längst abgelaufen. Erst Mitte Mai werden neue Veranstaltungsregeln verkündet. Man darf gespannt sein, ob diese auch noch letzte Reste von Klarheit beseitigen oder tatsächlich so etwas wie eine Handlungsanleitung darstellen. Immerhin, die Supertanker des sommerlichen Festivalreigens in Bregenz und Salzburg (wo just heuer das 100-Jahr-Jubiläum auf dem Programm steht) dürfen noch auf Rettung hoffen. Unter welchen Verrenkungen, das wird sich zeigen.
So torkelt Österreichs Kulturleben dem Abgrund entgegen. Es fehlen klare Ansagen von oben. Es fehlt eine anerkannte politische Stimme, die gehört wird und deren Wort Gewicht hat. Es zeigt sich einmal mehr, dass Kultur im Machtgefüge der Bundesregierung bestenfalls ein Anhängsel ist, federleicht und angenehm zu tragen, wenn es gilt, Förderungen zu verteilen oder Ausstellungen zu eröffnen. Ein Anhängsel, das flugs zur Seite bugsiert wird, sobald die Zeiten härter werden.
Eine Kulturnation – als solche titulieren führende Repräsentanten des Landes Österreich gerne. Die nächsten Wochen werden offenbaren, wie viel von dieser Kulturnation noch übrig bleibt.

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