TIROLER TAGESZEITUNG „Leitartikel“ Donnerstag, 16. September 2021, von Peter Nindler: „Ischgl hat sich festgekrallt“

Innsbruck (OTS) – Österreich steckt in der vierten Welle, das Coronavirus hält sich auch nach 18 Monaten noch hartnäckig. Deshalb bleiben Ischgl und damalige Fehleinschätzungen ein (politischer) Aufwecker. Jetzt lässt der Schadenersatzprozess den Wecker läuten.

Die Causa Ischgl wurde in der Corona-Krise zum negativen Selbstläufer. Der anfangs selbstgefällige und trotzige Umgang von Tourismus, Behörden und (lokaler) Politik mit dem sich ausbreitenden Virus im bislang erfolgsverwöhnten „Ballermann der Alpen“ ließ sich gerade deshalb nicht mehr regional einfangen. In der internationalen Wahrnehmung verdichteten sich die Vorgänge im Paznaun vielmehr zu einem Bild, als ob Ischgl der „Ground Zero“ für die SARS-CoV-2-Pandemie in Europa gewesen wäre. Mit 10.000 Infektionen, die sich auf eine der weltweit bekanntesten Skidestinationen zurückverfolgen lassen, hat sich jedenfalls der Eindruck vom Superspreader verfestigt.
Dass „wir im Land alles richtig gemacht haben“, wurde nicht nur zum Selbstfaller, sondern zum Fallbeil in der öffentlichen Kommunikation. Denn Tirol konnte ab diesem Zeitpunkt (politisch) gar nichts mehr richtig machen. Das Urteil war längst gefällt, aber ebenfalls mehr als selbstgefällig. Nach wie vor emotionalisiert und polarisiert Ischgl. Weil vieles betroffen macht und nachdenklich stimmt. Trotzdem: „Was, wie und in welchem Ausmaß im März 2020 in Ischgl Fehler passiert sind, werden die Staatsanwaltschaft und Gerichte klären“, hat Liane Pircher-Deutschmann bereits vor einem Jahr in der TT festgestellt. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Sowohl im noch laufenden Strafverfahren als auch in dem vom Verbraucherschutzverein angestrengten Zivilprozess ab Freitag geht es darum, ob über die Erkenntnisse der Expertenkommission hinaus straf-bzw. schadenersatzrechtliche Verantwortungen festgemacht werden können. Der Vorsitzende der Ischgl-Kommission, Ronald Rohrer, hat in seinem Bericht schließlich Fehleinschätzungen auf allen behördlichen Ebenen aufgelistet. Bis hin zur chaotischen Ausreise nach der nicht abgesprochenen Quarantäne-Ankündigung im Paznaun und St. Anton durch Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP).
Unabhängig davon agiert die Politik – besonders Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) und seine schwarz-grüne Landesregierung – weiterhin im langen Schatten von Ischgl. Platter und sein Krisenmanagement bleiben angreifbar, daran haben die Personalrochaden im ÖVP-Regierungsteam Anfang Mai nichts geändert. Sie kamen zu spät, zugleich steckt Österreich bereits in der vierten Welle. Corona lässt sich auch 18 Monate nach Ischgl noch nicht abschütteln. Im Gegenteil:
Zwar grüßen Après-Ski und Ischgl nicht mehr täglich wie das berühmte Murmeltier Punxsutawney Phil. Doch die Schadenersatzklage, das Ermittlungsverfahren der Justiz oder die Landtagswahl in eineinhalb Jahren sind immer ein Aufwecker. Weil die Causa Ischgl sehr wohl Tirol verändert hat.

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