Schulen müssen offen bleiben!

Wien/Innsbruck (OTS) – 4. Lockdown – Expert*innen der Kinder- und Jugendpsychiatrie einig: Schulen müssen in Hinblick auf die psychische Gesundheit der Kinder offen bleiben

Die psychische Gesundheit unserer Kinder ist durch die Pandemie deutlich beeinträchtigt – das haben die Studien an Kindern und Jugendlichen eindeutig belegt.

Die Tiroler COVID-19 Kinderstudie (Sevecke et al., 2020) hat in den letzten eineinhalb Jahren eine deutlich verminderte Lebensqualität sowie erhöhte Trauma- und Angstlevels bei 3- bis 12-jährigen Kindern gezeigt. Der Verlust an Lebensqualität ist vor allem auf die fehlenden sozialen Kontakte zurückzuführen. Die Angst-und Traumasymptome haben sich – nach einer kurzen Verschnaufpause im Sommer – seit März 2020 verdrei- bis vierfacht: Wiesen im März 2020 noch 6% der Kinder Symptome im klinischen Bereich auf, waren es bei der letzten Erhebung im Sommer 2021 bereits 23%.

Für österreichische Jugendliche und Auszubildende liegen durch die Untersuchung von Pieh und Kolleg*innen (2021) ähnliche Ergebnisse vor: 55% wiesen klinisch relevante depressive Symptome auf, 47% Angstsymptome, 23% Schlaflosigkeit und 64% Essstörungssymptome. Die Prävalenz von Suizidgedanken lag bei 37% (9% fast jeden Tag, 7% an mehr als der Hälfte der Tage pro Woche). Ein Semester nach Wiedereröffnung der Schulen und Zurückfahren der Eindämmungsmaßnahmen im Juni 2021 zeigte sich eine Verbesserung der psychischen Gesundheit der Jugendlichen (Humer et al., 2021).

Die ÖGKJP weist eindeutig darauf hin, dass man aus den bisherigen Fehlern gelernt haben sollte. Eine erneute Schulschließung würde aus Expert*innensicht mit Sicherheit die psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen weiter gefährden und die Gefahr mit sich bringen, dass bei denjenigen, die momentan emotional belastet, aber noch nicht klinisch gefährdet sind, ebenfalls Symptome einer psychischen Erkrankung entstehen werden.

Denn mittlerweile ist klar, dass es durch die Schließung der Schulen nicht nur zu Einschränkungen im Lernergebnis kommt und sich die Bildungsungerechtigkeit verschärft (Engzell et al., 2021), sondern es auch zu gravierenden sozial-emotionalen Beeinträchtigungen kommt.

Auch wenn Kinder als potenzielle „Spreader“ betrachtet werden, liegen zum Glück mittlerweile durch das kontinuierliche Monitoring (3 Tests pro Woche) und dem konsequenten Umsetzen der Hygienemaßnahmen sinnvolle Konzepte vor bei gleichzeitig in der Regel mildem Verlauf der Covid-Erkrankung. Die Kinder sollten nicht beschränkt werden um eine Dynamik abzufangen, die durch die solidarische Maßnahme der Impfung vermeidbar wäre.

Vereinfacht gesagt sollten die Kinder – solange es keine Home-Office-Pflicht gibt – die Möglichkeit haben, die Schule zu besuchen.

Prof. Dr Kathrin Sevecke; Präsidentin der ÖGKJP

Prof. Dr. Dr. Paul Plener, Prof. Dr Leonhard Thun-Hohnstein, Prof-Dr Claudia Klier: Präsidium der ÖGKJP

Quellen:

Engzell, P., Frey, A., Verhagen, M.D. Learning loss due to school closures during the COVID-19 pandemic. PNAS 2021; 118 (17) e2022376118; https://doi.org/10.1073/pnas.2022376118

Humer, E., Dale, R., Plener, P.L., Probst, T., Pieh C. Assessment of Mental Health of High School Students 1 Semester After COVID-19–Associated Remote Schooling Measures Were Lifted in Austria in 2021. JAMA Netw Open. 2021;4(11):e2135571. doi:10.1001/jamanetworkopen.2021.35571

Pieh, C., Plener, P. L., Probst, T., Dale, R., & Humer, E. (2021). Mental Health in Adolescents during COVID-19-Related Social Distancing and Home-Schooling. Retrieved from https://ssrn.com/abstract=3795639 (25.11.2021)

Sevecke, K., Exenberger, S., Taferner, C., & Wenter, A. (2020). COVID-19 Kinderstudie. Retrieved from [//www.tirol-kliniken.at/page.cfm?vpath=standorte/landeskrankenhaus-h all/medizinisches-angebot/kinder–und-jugendpsychiatrie/covid-19-kind erstudie] (https://www.ots.at/redirect/tirol-kliniken) (25.11.2021).

Univ. Prof.in Dr.in Kathrin Sevecke
Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik
Milser Straße 10, 6060 Hall in Tirol
kathrin.sevecke@tirol-kliniken.at
Tel. 050 504-33801

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