
Zurück in der Zukunft: Neue Präsentation in der KHM-Antikensammlung erzählt die wechselvolle Geschichte eines griechischen Bechers
Die Reihe Vitrine EXTRA präsentiert in regelmäßigen Abständen unterschiedliche antike Artefakte vorübergehend in der Dauerausstellung der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums. In der zweiten Ausgabe mit dem Titel _Zurück in der Zukunft_ (1. Juni bis 1. Oktober 2023) können Besucher*innen die wechselvolle Geschichte eines griechischen Bechers von dessen Herstellung im ausgehenden 6. Jahrhundert v. Chr. bis zum heutigen Tag nachverfolgen.
Was über die Herkunft des _Bechers mit der Darstellung zweier nackter Epheben_ bekannt ist, wie er schließlich im Kunsthistorischen Museum gelandet ist – zunächst auf unrechtmäßigem, schließlich auf rechtmäßigem Wege – und warum die Restitution an die Erb*innen des einstigen jüdischen Besitzers Albert Pollak bis ins Jahr 2022 gedauert hat – all das wird in dieser kleinen, feinen Präsentation thematisiert.
HERGESTELLT VOR 2.400 JAHREN IM ANTIKEN GRIECHENLAND
Gegen Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. wurde die lebhafte Szene zweier laufender Jünglinge (Epheben) in einer griechischen Töpferwerkstatt auf einen kleinen Becher gemalt – und damit begann dessen bewegte und bewegende Geschichte durch die Jahrtausende.
Über seine frühesten Besitzer sowie seine Verwendung im Alltag oder als Grabbeigabe ist nichts bekannt. Auch haben weder der Töpfer noch der Maler in einer Signatur ihre Namen hinterlassen, wie das bei antiken Vasen oftmals der Fall war. Aufgrund stilistischer Kriterien konnte der Becher jedoch einem Maler zugeschrieben werden, von dem etwa 150 Werke aus der frühen griechischen Klassik des späten 6. und frühen 5. Jahrhunderts v. Chr. erhalten sind.
Die dargestellte Szene weist in die für die Antike so wichtige Welt der Athleten und sportlichen Wettkämpfe (Agone). Es könnte ein Training auf dem Ringplatz (Palästra) dargestellt sein – dieses fand üblicherweise nackt in den antiken Gymnasien (altgriechisch _gymnós, γυμνóς_, „nackt“) statt, Stätten der körperlichen und intellektuellen Ausbildung.
DER KUNSTSAMMLER ALBERT POLLAK UND BESCHLAGNAHMUNG DURCH DAS NS-REGIME
Der Weg des Bechers von der Antike über das Mittelalter in die Neuzeit muss aufgrund fehlender Dokumentation größtenteils im Dunkeln bleiben. Im 20. Jahrhundert befindet er sich schließlich in Privatbesitz des Kunstsammlers Albert Pollak in Wien. Der Becher war inzwischen zu einem Sammlerstück geworden – hergestellt in einer Zeit, in der die jüdische Kultur bereits in fast unmittelbarer Nachbarschaft der griechischen Welt etabliert war.
Einer Vielzahl österreichischer Museen ist der Name Albert Pollak heute bekannt: Nach dem „Anschluss“ 1938 vom NS-Regime in Wien verfolgt, verhaftet und seines Hab und Guts beraubt, gelang es ihm, in seine Geburtsstadt Bielitz/Bielsko (im heutigen Polen) zu fliehen. Seine in über dreißig Jahren aufgebaute, äußerst umfangreiche Sammlung an Gemälden, Ziergegenständen aus Porzellan oder Glas, Textilien aus aller Welt, Möbeln und anderen Kunst- und Kulturgegenständen musste er in Wien zurücklassen. Sie wurde von den Nationalsozialisten entzogen, zerschlagen und über zahlreiche Museen verteilt. Als die deutsche Wehrmacht 1939 in Polen einmarschierte, floh Albert Pollak weiter in die Niederlande; doch dort sollte er noch immer nicht sicher sein: Mit der Besetzung der Niederlande durch das Deutsche Reich 1941 begannen auch hier die zunehmende Isolierung, Ausbeutung und Entrechtung der jüdischen Bevölkerung. Albert Pollak wurde in das Durchgangslager Westerbork deportiert und starb 1943 im Universitätskrankenhaus Groningen. Die Umstände sind nicht bekannt.
RESTITUTION AN DIE ERBEN VON ALBERT POLLAK
Nach der unrechtmäßigen Beschlagnahmung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1938 gelangte der Becher in das „Zentraldepot für beschlagnahmte Sammlungen“. Damit bereits in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kunsthistorischen Museum, in der Neuen Burg, fand er im Jahr 1941 seinen Weg über das Institut für Denkmalpflege in den Bestand der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums.
Nach Kriegsende machten sich seine Geschwister auf die Suche nach den über 800 entzogenen Objekten, die einst Albert Pollak gehört hatten. Einen Teil der Sammlung bekamen sie auf Grundlage der Rückstellungsgesetze restituiert. Als Gegenleistung für die notwendigen Ausfuhrgenehmigungen – nach 1945 lebte die Familie in verschiedenen Exilländern – mussten die Erb*innen einzelne Objekte zurücklassen und den Museen „geschenkweise“ überlassen – so auch jenen attischen Becher aus dem 6. Jahrhundert v.Chr.
Erst mit dem 1998 erlassenen Kunstrückgabegesetz übernahm die Republik Österreich Verantwortung für diese Vorgänge. 2001 empfahl der Kunstrückgabebeirat schließlich die Rückgabe des Bechers. Weitere Empfehlungen folgten, auch aus anderen österreichischen Museen. Nach einer wechselvollen Suche nach den – heute nach wie vor in verschiedenen Ländern lebenden Erb*innen nach Albert Pollak – wurde die letzte dieser Empfehlungen erst 2022 umgesetzt. Zuletzt kaufte das Kunsthistorische Museum erst vor wenigen Monaten den Becher von den Erb*innen zurück.
Im Rahmen der Präsentation Vitrine EXTRA #2 wird der Becher nun erstmals in den Räumlichkeiten der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums präsentiert – und dabei erinnern wir auch an den jahrzehntelang vergessenen Kunstsammler Albert Pollak.
Kooperationspartnerin bei diesem Projekt ist die Kommission für Provenienzforschung beim Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlicher Dienst und Sport.
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Vitrine EXTRA #2
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