
Literatur am Ring: Vom „Leben im Verborgenen“ zur Sichtbarkeit und Präsenz der Volksgruppen
Veranstaltungsreihe im Parlament bietet Raum für klare Worte der Vertretungen der österreichischen Volksgruppen
„Klare Worte – Barikane alava – Jasne riči. Sichtbar werden – präsent bleiben“ lautete gestern der Titel einer Lesung im Parlament im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Literatur am Ring“. Klare Worte fand die Romni Ceija Stojka in ihrem 1988 veröffentlichten Buch „Wir leben im Verborgenen“. Sie berichtete darin von ihren Erlebnissen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern Auschwitz-Birkenau, Ravensbrück und Bergen-Belsen, die sie als Roma-Kind hatte ertragen müssen. Die Veröffentlichung ihrer Schilderungen bedeutete für Romnja und Roma in Österreich den Beginn der öffentlichen Anerkennung. Auf dem Papier konnte Ceija Stojka all das ausdrücken, worüber lange Zeit niemand sprechen konnte oder wollte. Anfangs brachte sie ihre Erinnerungen heimlich auf Papier und versteckte „ihre Kritzeleien“ vor ihrer Familie in der Küche.
Bei der gestrigen Lesung in der Parlamentsbibliothek teilte ihre Schwiegertochter Gabriela Stojka mit dem Publikum ihre persönlichen Erinnerungen an diese starke Persönlichkeit. Sie setzt sich als Bildungsarbeiterin dafür ein, die Geschichte ihrer Schwiegermutter weiterzugeben. Denn das habe sie ihr am Sterbebett vor ihrem Tod im Jahr 2013 versprochen, berichtete sie.
Anlässlich des vor 50 Jahren beschlossenen Volksgruppengesetzes rückt die Veranstaltungsreihe „Literatur am Ring“ die Volksgruppen ins Zentrum. Bei der ersten von drei geplanten Lesungen im Parlament diskutierten gestern Akteurinnen und Vertreter der Roma sowie der Burgenländischen Kroaten über Sichtbarkeit und Präsenz aus historischer und aktueller Perspektive.
ROSENKRANZ: KLARE WORTE AUSSPRECHEN
Offen zu sein und Öffentlichkeit zu schaffen, sei eines der zentralen Anliegen dieser Veranstaltungsreihe im Parlament, sagte Nationalratspräsident Walter Rosenkranz in seinen Begrüßungsworten. Denn damit werde ein Raum geschaffen, in der eben diese „klaren Worte“ ausgesprochen werden und sich Gehör verschaffen können.
Der Vorsitzende des Volksgruppenbeirates der Romnja und Roma, Emmerich Gärtner-Horvath, und die Vorsitzende des Kroatischen Zentrums, Gabriela Novak-Karall, beleuchteten in einem Impulsgespräch aktuelle Herausforderungen für die Volksgruppen. Novak-Karall wies darauf hin, dass ein Großteil ihrer Volksgruppe in Wien lebe, aber die gesetzlichen Regelungen für die Volksgruppen, wie beispielsweise das Minderheitenschulgesetz, nur für das autochthone Siedlungsgebiet gelten. Längst könne man aufgrund der zunehmenden Mobilität der Menschen „niemanden mehr an einem Ort festmachen“, betonte sie. Es sollte allen, egal wo sie sind, ermöglicht werden, ihre Sprache und Kultur weiterzugeben. Wenn über eine Neuregelung des Volksgruppengesetzes nachgedacht werde, solle daher diesbezüglich ein „völlig neuer Zugang“ gefunden werden, forderte sie.
Besonders große Meilensteine für die Volksgruppe der Romnja und Roma seien die offizielle Anerkennung der Volksgruppe im Jahr 1993 sowie die Kodifizierung der Sprache gewesen, berichtete Emmerich Gärtner-Horvath. Denn damit konnte auch mit der Aufarbeitung von Lebensgeschichten begonnen werden. Ein großes Handicap sei die Diskriminierung seiner Volksgruppe, so Gärtner-Horvath. Als zentralen Punkt nannte er die Aufarbeitung der Geschichte, die man der Gesamtbevölkerung näherbringen müsse. Denn wenn man die Geschichte nicht kenne, wisse man nicht, wie sie sich entwickeln und wohin es gehen könne, warnte er.
„REWRITING HISTORY“ UND ANGEBOTE FÜR JUNGE
Die Geschichte der Romnja und Roma müsse von den Vertreterinnen und Vertretern der Volksgruppe selbst neu geschrieben werden, sagte Moderatorin und Redakteurin Katharina Graf-Janoska im Podiumsgespräch. Denn bisher sei meist von anderen über die Volksgruppe geschrieben und Geschichte nicht richtig erzählt worden. Auf Fehldarstellungen müsse reagiert werden, betonte sie. Wichtig wäre zudem, dass in allen Schulen über die Geschichte der Romnja und Roma unterrichtet werde.
Auch für die Chefredakteurin der Wochenzeitung der Burgenlandkroatinnen und Burgenlandkroaten „Hrvatske novine“, Tereza Grandits, ist der Kontakt zu jungen Menschen ein zentrales Anliegen. Die Inhalte der Wochenzeitung seien generationsübergreifend, dennoch sei es eine Herausforderung, insbesondere die Jungen für ein Printmedium zu begeistern. Bei Workshops in Schulen werde der direkte Kontakt gesucht, berichtete Grandits und meinte, dass es in Zukunft jedenfalls auch ein digitales Abo der Zeitung brauchen werde.
Durch die Veranstaltung führte Thomas Kassl von der Abteilung „Dialogplattform Staat & Gesellschaft“ der Parlamentsdirektion. (Schluss) bea
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