Weltmännertag: Wenn eine Depression nicht wie eine Depression aussieht

972 Männer starben 2024 in Österreich durch Suizid. Der ÖBVP fordert, psychische Krisen bei Männern früher zu erkennen und den Zugang zu Psychotherapie zu verbessern.

Reizbarkeit statt Traurigkeit, Rückzug statt Hilfesuche, übermäßige Arbeit statt Auseinandersetzung mit der eigenen Belastung: Psychische Erkrankungen bei Männern bleiben häufig lange unerkannt. Nicht immer zeigen sich Depressionen durch die typischen Symptome von Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit. Mitunter stehen Gereiztheit, Aggressivität, erhöhte Risikobereitschaft oder problematischer Alkoholkonsum im Vordergrund. Zum Weltmännertag am 3. November macht der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) auf diese häufig übersehenen Ausdrucksformen psychischer Belastung aufmerksam.

WENN PSYCHISCHES LEIDEN NACH AUSSEN GERICHTET WIRD

Während Depressionen häufig mit Traurigkeit, Rückzug und Hoffnungslosigkeit verbunden werden, können psychische Belastungen auch durch sogenannte externalisierende Symptome sichtbar werden. Dazu zählen etwa ausgeprägte Gereiztheit, Wut, riskantes Verhalten oder erhöhter Substanzkonsum. Diese Verhaltensweisen sind weder ausschließlich männlich noch für sich genommen ein Beleg für eine Depression. Sie können jedoch dazu beitragen, dass eine zugrunde liegende psychische Erkrankung übersehen wird.

„Nicht jeder Mann, der psychisch leidet, wirkt traurig oder verzweifelt. Manche reagieren zunehmend gereizt, ziehen sich zurück oder versuchen, durch noch mehr Leistung die Kontrolle zu behalten. Wenn wir psychische Erkrankungen ausschließlich an den klassischen Symptomen festmachen, laufen wir Gefahr, wichtige Warnsignale zu übersehen“, betont Barbara Haid, Präsidentin des ÖBVP.

KNAPP 80 PROZENT DER SUIZIDTODESFÄLLE BETREFFEN MÄNNER

Die Dringlichkeit einer frühzeitigen Erkennung psychischer Krisen verdeutlichen die österreichischen Suizidzahlen. Laut dem Suizidbericht 2025 des Gesundheitsministeriums starben im Jahr 2024 insgesamt 1.219 Menschen durch Suizid, darunter 972 Männer und 247 Frauen. Damit entfielen knapp 80 Prozent der Suizidtodesfälle auf Männer.

Suizidalität ist ein komplexes Geschehen, dem unterschiedliche psychische, soziale und persönliche Faktoren zugrunde liegen können. Die hohe Zahl männlicher Suizidtodesfälle unterstreicht jedoch die Notwendigkeit, psychische Krisen rechtzeitig wahrzunehmen und wirksame Unterstützung zugänglich zu machen.

DAS IDEAL DES STARKEN MANNES KANN ZUR BELASTUNG WERDEN

Traditionelle Männlichkeitsvorstellungen können den Umgang mit psychischen Erkrankungen zusätzlich erschweren. Wer gelernt hat, Schwierigkeiten selbstständig zu bewältigen, Gefühle zu kontrollieren und möglichst keine Schwäche zu zeigen, nimmt professionelle Unterstützung möglicherweise erst spät in Anspruch.

„Das Problem ist nicht, dass Männer grundsätzlich weniger über Gefühle sprechen können. Entscheidend ist vielmehr, welche Vorstellungen von Stärke und Selbstständigkeit sie verinnerlicht haben. Wenn Hilfsbedürftigkeit als persönliches Versagen erlebt wird, kann das dazu führen, dass psychische Belastungen über lange Zeit ausgehalten oder überspielt werden“, erklärt Wolfgang Schimböck, Vizepräsident des ÖBVP.

Psychotherapeutische Behandlung bietet einen Raum, in dem solche Muster verstanden und verändert werden können. Dabei geht es nicht darum, Männern eine bestimmte Form des emotionalen Ausdrucks vorzugeben, sondern individuelle Zugänge zu psychischen Belastungen und deren Bewältigung zu ermöglichen.

PSYCHOTHERAPIE DARF NICHT ERST NACH DEM ZUSAMMENBRUCH BEGINNEN

Der ÖBVP fordert, die Früherkennung psychischer Erkrankungen bei Männern stärker in der Gesundheitsversorgung zu verankern. Insbesondere in der hausärztlichen Versorgung sollten anhaltende Schlafstörungen, Erschöpfung, Gereiztheit, problematischer Alkoholkonsum oder wiederkehrende körperliche Beschwerden auch Anlass sein, mögliche psychische Ursachen abzuklären.

Ebenso entscheidend ist ein zeitnaher und leistbarer Zugang zu psychotherapeutischer Behandlung. Denn frühe Unterstützung kann verhindern, dass sich psychische Belastungen verfestigen und schwerwiegende Folgen für Gesundheit, Beziehungen und Arbeitsfähigkeit entwickeln.

„Wir müssen weg von der Vorstellung, dass Männer erst dann Hilfe brauchen, wenn sie nicht mehr funktionieren. Psychotherapie ist keine letzte Maßnahme nach einem Zusammenbruch. Sie sollte bereits dann zugänglich sein, wenn psychische Belastungen beginnen, das Leben einzuschränken“, so Markus Böckle, Präsidiumsmitglied des ÖBVP.

DIE ZENTRALE FORDERUNG DES ÖBVP ZUM WELTMÄNNERTAG LAUTET DAHER: PSYCHISCHE ERKRANKUNGEN BEI MÄNNERN MÜSSEN FRÜHER ERKANNT, GEZIELTER ANGESPROCHEN UND RECHTZEITIG BEHANDELT WERDEN. NICHT ERST DER ZUSAMMENBRUCH DARF DER ANLASS SEIN, HILFE ANZUBIETEN.

Österreichischer Bundesverband für Psychotherapie
Fabienne Patek, MSc
Telefon: +43 676 306 59 41
E-Mail: oebvp.patek@psychotherapie.at
Website: https://www.psychotherapie.at/

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