
Welt ohne Barrieren: Fünf Innovationen im Parlament vorgestellt
Abgeordnete unterstützen prämierte Initiativen des Zero Projects
Zur Stärkung des Dialogs über Inklusion von Menschen mit Behinderungen fand heute die Auftaktveranstaltung zur Zero Project Conference 2026 im Parlament statt. Abgeordnete aller fünf Parlamentsparteien präsentierten von ihnen ausgewählte, preisgekrönte Innovationen, die zur Stärkung von Inklusion in Österreich beitragen können. Die Abgeordneten haben sich dazu verpflichtet, die von ihnen präsentierten Innovationen bei ihrer Umsetzung in Österreich bestmöglich zu unterstützen. Lesungen von Schauspielerin Maria Hofstätter und Schauspieler Gregor Seberg begleiteten die Vorstellung der Projekte. Durch die Veranstaltung führte ORF-Journalist Andreas Onea.
Michael Fembeck, CEO von Zero Project, berichtete von einer Zahl von knapp 600 Nominierungen aus knapp 100 Ländern in diesem Jahr für Zero Project. Daraus seien 75 Awardees sowie eine kleine Zusatzgruppe als Arts Awardees ausgewählt worden. Die heurigen Themen waren Fembeck zufolge Barrierefreiheit, IT und Krisenmanagement.
INKLUSION VON MENSCHEN MIT LERNSCHWIERIGKEITEN BEI KRANKENHAUSAUFENTHALTEN
Das Projekt ASI, das Menschen mit Lernschwierigkeiten bei Krankenhausaufenthalten begleitet, hat FPÖ-Nationalratsabgeordneter Christian Ragger ausgewählt. Das Projekt sei ein wichtiger Schritt zur Integration und Inklusion und sollte seines Erachtens flächendeckend, mit einem Ansatz über die europäische Ebene, ausgerollt werden, so Ragger.
Das Programm ASI (Asistencia Sanitaria Integral) wurde von der NGO Fundación Personas in Spanien in Zusammenarbeit mit dem regionalen Gesundheitswesen entwickelt. Zu den zentralen Elementen gehören ID-Karten, automatische Meldungen, spezielle Protokolle, barrierefreie Unterlagen sowie Pflegekräfte als Fallverantwortliche. Bis Mitte 2025 profitierten demnach jährlich mehr als 3.000 Menschen von ASI. Es habe sich dadurch sowohl die medizinische Versorgung, als auch der Zufriedenheitsgrad verbessert, hob Daniel Clavero Herrero von der Fundación Personas hervor. Bis 2025 seien bereits mehr als 2.200 Fachkräfte im Gesundheitswesen geschult worden. Daniel Clavero Herrero zufolge soll das Programm auch in die öffentliche Politik integriert werden. Auf Fragen von Klaus Widl, Präsident des Österreichischen Behindertenrats, und von Behindertenanwältin Christine Steger berichtete er von konkreten Beispielen aus der Praxis des Projekts, wie etwa eine Koordinierung der Fachbereiche, die Benutzung der einfachen Sprache oder auch die Koordinierung der Termine.
KI-GESTÜTZTE APP ERMÖGLICHT MENSCHEN ZU KOMMUNIZIEREN
„Talk to Me, Goose!“ ist eine KI-gestützte Text-to-Speech-App, die von Mundell Designs, einem Start-up-Unternehmen aus Pennsylvania, entwickelt wurde. Die App wandelt Eingaben über Tastatur, Touchscreen, Sprache oder Hilfstasten in natürliche Sprache um. Damit wird es Menschen mit ALS oder anderen nonverbalen Beeinträchtigungen ermöglicht, unabhängig zu kommunizieren. Nach seiner Einführung für iOS-Geräte im März 2025 habe die App in nur drei Monaten 554 Nutzende in 64 Ländern erreicht. Die Stimme sei wie ein Fingerabdruck, hielt David Betts (Mundell Designs) fest. Mit der App könnten Betroffene wieder kommunizieren und Wärme und Persönlichkeit in ihre Sprache zurückbringen. Das Ziel sei, die Würde zu erhalten und das grundlegende Menschenrecht der Kommunikation zu erhalten. „Talk to Me, Goose!“ decke 31 Sprachen ab, so Betts.
Den Satz „Talk to Me, Goose!“ würden viele aus dem bekannten Film „Top Gun“ kennen, so ÖVP-Nationalratsabgeordnete Heike Eder, die diese Projekt ausgewählt hat. Heute bedeute er aber: „Gib mir meine Stimme zurück.“ Die App ermögliche Betroffenen, wieder emotional und ohne lange Pausen mit ihrer Stimme zu kommunizieren. Was das konkret bedeute, habe sie 2025 kennengelernt, als ein Kollege aus dem Nationalrat nach einer Erkrankung seine erste Rede mit einer KI-gestützten App gehalten habe, so Eder. Insgesamt zeige diese Innovation, was KI bestenfalls ermöglichen könne: Sie gebe Menschen etwas zurück, das zentral sei für Würde und Teilhabe, nämlich die Stimme.
Der ehemalige Abgeordnete und Beauftragter für Barrierefreiheit im ORF, Franz-Joseph Huainigg, sowie Karin Stöckler vom Bundesverband für Menschen mit Behinderungen erkundigten sich etwa nach den Kosten für die App und nach Ausbauplänen. Das Ziel sei, die App kostenlos oder zu einem sehr geringen Preis zur Verfügung zu stellen, so Betts. Man sei auch weiterhin auf der Suche nach Projektpartnern.
BESSERER ZUGANG ZUR GESUNDHEITSVERSORGUNG FÜR MENSCHEN MIT LERNSCHWIERIGKEITEN
SPÖ-Nationalratsabgeordnete Verena Nussbaum wählte ein Projekt für einen besseren Zugang zur Gesundheitsversorgung für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Es gehe darum, Menschen mit Behinderungen zu empowern, hielt Nussbaum fest. Außerdem brauche es Wissen darüber, wie man mit Menschen mit Behinderungen umgehe, um auf Augenhöhe zu kommunizieren und zu helfen, die Gesundheit wiederherzustellen.
Die Europäische Plattform für Rehabilitation (EPR) aus Belgien ist ein europäisches Netzwerk von Dienstleistern für Menschen mit Behinderungen, das mehr als 30 Mitglieder in über 18 Ländern umfasst. 2022 startete EPR das heute vorgestellte Projekt „Equal Treatment“ (Gleiche Behandlung), um die Gesundheitsversorgung von Menschen mit Lernschwierigkeiten zu verbessern. Die Projektpartner entwickelten gemeinsam Empfehlungen für Gesundheitseinrichtungen. Sie konzipierten Verbesserungen in den Bereichen Kommunikation, unterstützte Entscheidungsfindung und angemessene Vorkehrungen. Die naheliegende Idee dahinter sei, dass alle Menschen dieselbe Qualität in der Gesundheitsversorgung zukommen sollte, so Alicia Gomez Campos (EPR). Roberto Zanon (EPR) zufolge sollen mit dem Projekt möglichst viele Personen adressiert werden – neben Ärztinnen und Ärzten und Pflegepersonal beispielsweise auch Empfangspersonal. Auf Frage von Bernadette Feuerstein, Dachverband „Selbstbestimmt Leben“, und von Rudolf Kravanja, Bundesverband für Menschen mit Behinderungen, hielt Zanon unter anderem fest, dass versucht wurde, auch die Betroffenen selbst bzw. Menschen mit intellektuellen Behinderungen einzubinden.
APP FÜR NON-VERBALE NOTRUFE
Wie setze ich einen Notruf ab, wenn ich nicht sprechen kann, fragte Fiona Fiedler (NEOS) und stellte die aus Großbritannien stammende App TapSOS vor. Diese ermöglicht nonverbale Notrufe und nutzt dabei Technologien wie Live-GPS-Sharing und kryptografische Gesundheitsprofile. Entwickelt wurde TapSOS vom britischen Tech-Unternehmen Inclutech Ltd., das an Lösungen für die Krisenkommunikation mit Fokus auf Menschen mit Behinderungen und Hochrisikogruppen arbeitet.
Diese App wurde für die Schwächsten entwickelt, könne aber von allen genutzt werden, beispielsweise nach einem Schlagfall, wenn verbale Kommunikation nicht möglich ist, betonte Becca Hume (Inclutech Ltd.). Die App wurde in Großbritannien in bestehende Systeme integriert, sei aber nicht nur eine „britische Lösung“, denn dieses Thema sei in jedem Land von Bedeutung, unterstrich Hume. Auf eine Frage von Julia Moser (Interessensvertretung Frauen* mit Behinderungen) nach der Anwendung der App von der weiblichen Zielgruppe, sagte Hume, dass die App auch von Frauen genutzt werden könne, die sich in einer Gewaltsituation befinden und aus Sicherheitsgründen keinen verbalen Notruf absetzen können. Auch Heidemarie Egger (Vorsitzende Monitoring Ausschuss) begrüßte die App und erkundigte sich nach deren barrierefreien Gestaltung. TapSOS sei auf Basis von Barrierefreiheitsstandards entwickelt worden, führte Hume aus. Dementsprechend habe man unter anderem auf einfache Sprache und klare Icons geachtet.
SPRACHTHERAPIE-TOOL MIT SPIELEN UND MUSIK FÜR KINDER
Als Vater wisse er, wie wichtig Unterstützung beim Spracherwerb von Kindern sei, sagte Ralph Schallmeiner (Grüne) und stellte die in Montenegro entwickelte App „Sofi Sova“ vor. Diese ist kosten- sowie werbefrei und unterstütze rund 13.000 Kinder beim Spracherwerb. Entwickelt wurde sie vom Start-up Solutaria Doo. Bei dieser App handelt es sich um eine digitale Sprachtherapie in Form eines elektronischen Spiels für Kinder von drei bis neun Jahren. Sie trainiert Sprach- und Lesefähigkeiten mithilfe von Spielen und Musikmodulen und wurde gemeinsam mit Eltern und Fachleuten entwickelt.
Die App enthalte keine Überstimulierung – es gehe nicht darum, dass Kinder Zeit vor dem Bildschirm verbringen, sondern darum, Kinder bei ihrer Entwicklung zu unterstützen, betonte Marina Cupic (Solutaria Doo). Technologie sei kein Feind, sondern könne – wenn sie entsprechend gestaltet ist – bei Inklusion ein Verbündeter sein, unterstrich sie. In der Diskussion erkundigten sich Simon Couvreur (Präsident Downsyndrom Österreich) und Daniele Marano (Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs), ob die App von den Kindern selbst bedient werden könne und in welchen Sprachen diese bereits verfügbar sei. Marina Cupic ging darauf ein, dass Kinder diese Innovation ohne fremde Hilfe bedienen können. Dieses Angebot sei jedoch nicht als Einzellösung gedacht und solle Logopädie und Sprachtherapie nicht ersetzen, sondern ergänzen, so Cupic. Derzeit ist die App in montenegrinischer Sprache erhältlich, Übersetzungen sollen folgen.
STOTTER: „INKLUSION IST KEIN URBANES PROJEKT“
In seinen Schlussworten betonte Bundesratspräsident Markus Stotter, dass Inklusion kein „urbanes Projekt“ sei, sondern „vor Ort“ in den Gemeinden, Bezirken und Bundesländern beginne. Er rief dazu auf, die Stimmen der Menschen mit Behinderungen nicht nur hören, sondern sie aktiv in Entscheidungen und Prozesse einzubeziehen. Eine inklusive Gesellschaft sei keine Vision für die Zukunft, sondern ein Aufgabe für das Hier und Jetzt, so Stotter.
KONFERENZ IN DER WIENER UNO-CITY
Zero Project ist eine Initiative der Essl Foundation und setzt sich für eine Welt ohne Barrieren ein. Zur diesjährigen Zero Project Conference von 18. bis 20. Februar in der Wiener UNO-City werden wieder rund 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erwartet. Im Fokus stehen die Themen Barrierefreiheit, IT-Lösungen, sowie Krisen- und Katastrophenmanagement. (Schluss Zero Project Auftaktveranstaltung) mbu/bea
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