Dort wo’s menschelt: „dokFilm“-Sommerprogrammierung ab 5. Juli mit neuen Porträts über Land und Leute

Sonntags ab 22.15 Uhr in ORF und auf ORF ON – danach: Ausgaben des Kultformats „Alltagsgeschichte“

Traditionell stellt die ORF-Kulturdokuleiste „dokFilm“ im Sommer – sonntags um 22.15 Uhr in ORF 2 und auf ORF ON – in neuen Filmporträts interessante Regionen und Menschen ins Rampenlicht. Die Sommerprogrammierung startet am 5. Juli 2026 mit der vorletzten Ausgabe der 2022 lancierten, insgesamt zehnteiligen Reihe „Weites Land“, die sich nach bereits acht besuchten Bundesländern schließlich auf kulturelle Vermessung in Wien begibt. In der Woche darauf zieht die finale Folge eine Österreich-Bilanz (12. Juli) und stellt die zentrale Frage: Gibt es tatsächlich eine österreichische Seele?

Auf dem „dokFilm“-Spielplan stehen diesen Sommer auch zwei neue Filme der Kulturreihe „Österreichs Originale“ über Menschen von nebenan, die identitätsstiftend sind für ihr soziales Biotop, ihr Grätzel, ihre Nachbarschaft – oder aus dem Raster dessen fallen, was landläufig als „normal“ bezeichnet wird: „Die Modeschöpferin und die Verführungskünstlerin“ (23. August) und „Madame Maux und der Herr der Manege“ (30. August). Das Ende Juli startende neue Format „So funktioniert Österreich“ zeigt Menschen, die mit ihrer alltäglichen Arbeit für das Funktionieren der Gesellschaft unverzichtbar sind – mit exklusiven Einblicken in heimische Institutionen und Einrichtungen, aber auch in Arbeitswelten, die meist im Hintergrund wirken. Die ersten zwei Folgen sehen sich „Beim Roten Kreuz“ (26. Juli) und „Im Parlament“ (2. August) um. Im August besucht eine weitere neue „dokFilm“-Sommerreihe „Sehnsuchtsorte von einst“ und beleuchtet die Faszination dieser ikonischen Schauplätze des Jetsets, die sich ihren Glanz über Jahrhunderte bewahrt haben oder nach einer Zeit des Stillstands wieder aufleben. Zum Auftakt geht es nach „Bad Gastein“ (9. August) und „Tanger“ (16. August) in Marokko.

Wie jedes Jahr gibt es anschließend an den Sommer-„dokFilm“-Slot – um ca. 23.05 Uhr – wieder Ausgaben der ebenfalls von der TV-Kultur produzierten Kultreihe „Alltagsgeschichte“. So stehen ab 5. Juli in ORF 2 (und auf ORF ON) insgesamt neun Filme auf dem Programm: Zum Start: „Eine Collage von Elizabeth T. Spira“ mit prägnanten Szenen aus legendären Folgen des von Spira gestalteten Formats. Danach: „Rast an der Autobahn“ (12. Juli), „Das kleine Glück im Schrebergarten“ (19. Juli), „Das Glück ist ein Vogerl“ (26. Juli), „Im Park“ (2. August), „Einstens – Auf Sommerfrische“ (9. August), „Neun Flugstunden von Zuhause“ (16. August), „Im Bad“ (23. August) und „In einer kleinen Konditorei“ (30. August).

Auftakt der „dokFilm“-Sommerprogrammierung: TV-Premiere „Weites Land – Wien“ (5. Juli, 22.15 Uhr)

Vier Jahre lang ist Regisseurin Jennifer Rezny auf ihrer mentalitätsgeschichtlichen Erkundungstour von Bundesland zu Bundesland gereist, um Klischees auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, Widersprüchen nachzugehen, den Menschen nachzuspüren und den Landschaften, die sie prägen. Schlusspunkt ihrer feuilletonistischen Landvermessung – vor dem großen Finale mit dem Panorama aller Bundesländer – ist Wien. Rund drei Millionen Menschen leben im Großraum der Bundeshauptstadt, ungefähr genauso viele Mythen ranken sich um sie. Gibt es das vielzitierte goldene Wienerherz wirklich oder handelt es sich vielmehr um eine Mördergrube? Sind die Wiener:innen tatsächlich so Jenseits-verliebt und wie abgründig ist die Wiener Gemütlichkeit? Wer in der Donaumetropole nach Eindeutigkeit sucht, stößt unweigerlich auf Widerspruch – und genau darin liegt der Kern dieser Stadt. Nonchalance und Arroganz, Weltoffenheit und Kleinmut, Grant und Charme, Morbidität und Lebenslust, Humor und Melancholie. Diese Spannungen prägen Wien – vom Würstelstand bis ins Kaffeehaus, von den Schrebergärten bis zu den patinierten Fassaden der Gründerzeit, vom geerdeten Gemeindebau der Arbeiterbezirke bis zu barocker Pracht und weltläufiger Eleganz des ersten Bezirks.

Johann, dessen Mutter Manuela und Schulfreund Bene verkörpern eine Seite Wiens, die wie kaum eine andere mit der Stadt verbunden wird: die Nähe zum Tod. Wie seine Mutter und einst sein mittlerweile verstorbener Vater ist Johann Bestatter und die Vergänglichkeit täglicher Lebensbegleiter. Für Johann war der Beruf schon früh Berufung. Bereits als Kind sah er seine erste Leiche, als Teenager half er beim Ankleiden Verstorbener. Dass Wien eine besondere Beziehung zum Morbiden habe, darüber sind sich alle drei einig. „Warum das so ist – vielleicht wegen des lieben Augustin, der wieder aus der Pestgrube gestiegen ist“, spekuliert Manuela. Eines steht fest: „Wer sich täglich mit dem Tod beschäftigt, braucht Humor.“

Als die gebürtige Deutsche Claudia Niedersüß an ihren Sehnsuchtsort Wien zog, erfüllte sich für sie ein Lebenstraum. Ihren Mann Rudolf lernte sie – geht es Wienerischer? – auf dem Opernball kennen. Gemeinsam repräsentieren sie das traditionsreiche, elegante Wien. Rudolf, Geschäftsführer der renommierten Herrenschneiderei Knize und auch noch mit 90 täglich im Geschäft, kam einst als Lehrling aus Oberösterreich in die Hauptstadt und arbeitete sich bis an die Spitze des Unternehmens. Ob Fleiß eine typische Wiener Eigenschaft sei? Rudolf lacht. „Nein. Die Wiener gehen lieber gut essen und trinken. Sie sind sehr gemütlich.“

Erika Pluhar steht im Rang einer Wiener Institution: Als Kind erlebte die Künstlerin die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs, später fand sie im Floridsdorf der Nachkriegszeit – geprägt von einer antifaschistischen Lehrerin und vom kulturellen Aufbruch dieser Ära – ihre Heimat in einem sozialdemokratischen Wien, das sie bis heute mit großer Wärme in Erinnerung hat. Über ihre Stadt spricht sie mit Zärtlichkeit. „Wien ist meine Geliebte. Ich bin in dieser Stadt einfach drin – wie ein Fluch oder wie ein Buch. Leider oder Gott sei Dank.“ Halt geben ihr im Alter die Wiener Sprache, das Wienerlied, die Heurigenkultur und die vertrauten Orte ihres Döblings, ihr altes mit Efeu bewachsenes Haus.

Für Agnes Palmisano lässt sich die Wiener Seele am besten hören. Die Sängerin, bekannt als „Dudel-Diva“, sieht in der traditionellen Gesangskunst vieles von dem vereint, was Wien ausmacht: „Das Luftige und Heitere, aber auch das Tiefgründige und Schwermütige. Diese Verbindung und das Aushalten von Gegensätzen: das ist das Dudeln – und das ist auch Wien.“ Obwohl sie die Tochter eines Kärntner Slowenen und einer Oberösterreicherin ist, versteht sich Palmisano als Wienerin durch und durch. Ihre Beziehung zur Stadt beschreibt sie als „freundlich, aber distanziert. Distanziert deshalb, weil ich es mir nicht mit meinem Wien verscherzen will“.

Weiters in dieser Ausgabe von „Weites Land“: Christian, Kind aus dem Gemeindebau, heute Würstelstand-Betreiber, der konstatiert, dass sich die Stadt verändert hat: „Der Umgangston ist rauer geworden. Man wird schneller angepöbelt als früher.“

Dagy ist Sohn sogenannter Gastarbeiter aus der Türkei. Dass er erfolgreich seinen eigenen Barbershop führt, ist eine Geschichte von Chancen und Aufstieg. „Österreich ist ein wahnsinnig tolles Land mit vielen Möglichkeiten, ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe, und möchte für andere ein Vorbild sein.“

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