Neues Buch zur Karnischen Krise: Eine Klimakatastrophe vor rund 233 Millionen Jahren ließ die Welt fast untergehen

DIE KARNISCHE KRISE WAR EINE GLOBALE KLIMAKRISE WÄHREND DER OBERTRIAS VOR 233 BIS 235 MILLIONEN JAHREN – AUSGELÖST DURCH GEWALTIGE VULKANAUSBRÜCHE UND MASSIVE CO2-EMISSIONEN. DAS NEUE BUCH VON ALEXANDER LUKENEDER, PALÄONTOLOGE AM NATURHISTORISCHEN MUSEUM WIEN, BÜNDELT 150 JAHRE FORSCHUNGSGESCHICHTE UND ZEIGT, WIE DIESE GEOLOGISCHE KATASTROPHE DRAMATISCHE KLIMAÄNDERUNGEN UND EIN MASSENSTERBEN IN DEN OZEANEN VERURSACHTE.

Durch historische Sammlungen des NHM Wien und Aufsammlungen der letzten Jahre konnten über 20.000 Fossilien der alpinen Triaszeit als Zeugen einer der größten Umweltkatastrophen der Erdgeschichte, der Karnischen Krise, erforscht werden. Die Forschungsergebnisse werden nun auf 600 Seiten online und frei zugänglich präsentiert.

Seit einigen Jahren erforscht das NHM Wien im Rahmen mehrerer durch das Land Niederösterreich, den Verein der Freunde des NHM Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften geförderter Projekte Ablagerungen der späten Triaszeit im Raum von Lunz am See, Göstling und Großreifling.

Mit dem Sammelband „Late Triassic Konservat-Lagerstätten within the Carnian Pluvial Episode. 150 Years of Scientific Excavations in Austria“ ist nun ein wissenschaftliches Leuchtturmprojekt des Landes Niederösterreich und des Naturhistorischen Museums Wien abgeschlossen worden. Die Arbeiten sind das Ergebnis der beiden Land-Niederösterreich-Projekte: „Drilling into the Earth’s History“ und Polzberg – eine Konservat-Lagerstätte von Weltruf im Herzen Niederösterreichs –, beide von Dr. Alexander Lukeneder, Paläontologe am NHM Wien, geleitet.

Durch die Erfassung und systematische Erforschung der umfangreichen Fossil-Sammlung zur Karnischen Krise – am NHM Wien befindet sich die größte weltweit – wurde ein unerwartet komplexes Ökosystem rekonstruiert, das sich an der Schnittstelle zwischen Regenwald und tropischem Meer etabliert hatte. Aufwändige geophysikalische und geochemische Analysen ermöglichten es Lukeneder und seinem internationalen Team erstmals, die klimatischen Bedingungen der Triaszeit dieser Region klären und ein mächtiges Monsun-System zu rekonstruieren, wie es heute die Küsten Asiens kennzeichnet.

Nach heutiger Sicht führte gewaltiger Vulkanismus nicht nur zur Ablagerung einer mehr als tausend Meter dicken Schicht aus Basalt in Kanada und in den USA, sondern auch zu einem enormen Anstieg von CO2 in der Atmosphäre. Das wiederum führte in der späten Triaszeit zu einer starken Klimaerwärmung mit wesentlich feuchterem Klima. Weltweit spülten monsunartige Regenfälle Sediment in die Meere und die Riffe erstickten im Schlamm. Über zwei Millionen Jahre dauerte die globale Karnische Krise. Während dieser Phase kam es zum Zusammenbruch ganzer Ökosysteme.

Zur Erforschung dieser Phase wurde erstmals eine Kernbohrung zu Schichten der Karnischen Krise durchgeführt. Dadurch konnten chemisch unveränderte Gesteine geborgen und die Schichten Millimeter für Millimeter untersucht werden. Der Bereich um Lunz am See gewährt tiefe Einblicke in die mesozoische Erdgeschichte des Landes. In 235 Millionen alten, fein laminierten Gesteinsschichten werden hier Schätze des Erdmittelalters gefunden. Die schwarzen, kalkig bis tonigen Meeresablagerungen beinhalten Fossilfundstellen, in denen die fossilen Organismen besonders gut und vollständig erhalten sind.

Lediglich eine schmale geologische Zone in Österreich enthält Sedimentgesteine der Karnischen Krise und quert die Kalkalpen Niederösterreichs und der Steiermark. Diese reicht vom niederösterreichischen Mödling im Osten bis in die nördliche Steiermark bei Großreifling, also bis in das Gebiet des Natur- und UNESCO-Geoparks Steirische Eisenwurzen, im Westen. In den Meeresablagerungen des sogenannten Reiflinger Beckens finden sich ausgezeichnet erhaltene Ammoniten, Tintenfische, Muscheln, Schnecken, Krebse, Borstenwürmer, verschiedene Fische, Quastenflosser sowie Lungenfische der späten Triaszeit. Auch der weltweit erste Nachweis von fossilen Tintenfisch-Knorpeln stammt aus diesen Gesteinen.

Die große Diversität der entdeckten Fauna wie auch die fantastische Erhaltung der Fossilien dieser Konservat-Lagerstätten machen diese Zone zur einzigartigen Möglichkeit, die Umwelt der späten Triaszeit bestmöglich zu erforschen und so neue Erkenntnisse zum Klima dieser Zeit zu gewinnen. Die Fossilen solcher Konservat-Lagerstätten zeigen sogar die Erhaltung von Weichteilen wie Muskel- oder Knorpelreste. Fundstellen zur Karnischen Krise sind weltweit bekannt. Weltweit einzigartig ist aber die Ausbildung dieses außerordentlich gut erhaltenen Konservat-Lagerstättengürtels in den Alpen Österreichs.

Für diese Arbeit von großer Bedeutung war die Mitwirkung von Citizen Scientists. Durch ihre unermüdliche Sammeltätigkeit haben Birgitt und Karl Aschauer aus Waidhofen an der Ybbs hunderte wertvolle Fossilien ausgegraben und den Wissenschaftler*innen zur Bearbeitung überlassen. Die Fossilien wurden umfassend untersucht und die Ergebnisse werden in dem Buch präsentiert. So konnten erstmals neue Arten von fossilen Tintenfischen und Borstenwürmern beschrieben werden.

Das Buch, das als Special Volume in der Reihe _Topics in Geobiology_ erschienen ist, ist ein gutes Beispiel dafür, wie durch die Bündelung von Einzelprojekten und die gezielte Einbindung internationaler Forscher*innen sowie Citizen Scientists völlig neue Aspekte zutage treten und aus der detaillierten Kenntnis regionaler Prozesse globale Verbindungen ableitbar werden. Der Sammelband stellt einen Meilenstein der naturwissenschaftlichen Erforschung Niederösterreichs und der Steiermark dar.

Im vorgelegten Buch kommen sowohl die Entdecker der Karnischen Krise, Alastair Ruffel, Michael Simms und Paul Wignall, zu Wort als auch weitere 50 internationale Wiissenschafter*innen.

Die Veröffentlichung wurde vom Land Niederösterreich (Wissenschaft und Forschung), dem Verein der Freunde des Naturhistorischen Museums Wien, dem Naturhistorischen Museum Wien, der Technischen Universität Leoben sowie durch Eigenmittel von Alexander Lukeneder kofinanziert. Das neue Werk mit 24 Kapiteln ist _open access_, also frei zugänglich, sowie als gedrucktes Buch erhältlich.

LUKENEDER A ED. (2026) Late Triassic Konservat-Lagerstätten within the Carnian Pluvial Episode: 150 Years of Scientific Excavations in Austria. Topics in Geobiology. Special Volume 55, 24 Chapters, 600 Seiten, Springer Verlag.

WEITERFÜHRENDE LINKS

* Kurzvideo mit Alexander Lukeneder zur Karnischen Krise in der Schausammlung des NHM Wien
* Forschung zum Mitmachen: „Fossilfinder“

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