
Internationale Bergtage Wien | Klimawandel am Berg: Österreichs alpine Vereine warnen vor steigenden Gefahren im Bergsport
GLETSCHERSCHWUND, BRÖCKELNDE WEGE, HÜTTEN OHNE WASSER: VERBAND ALPINER VEREINE ÖSTERREICHS (VAVÖ), ALPENVEREIN UND NATURFREUNDE FORDERN BEI DEN INTERNATIONALEN BERGTAGEN WIEN NACHHALTIGE SICHERUNG DER ALPINEN INFRASTRUKTUR.
Im Rahmen eines Pressegesprächs anlässlich der Internationalen Bergtage Wien zogen heute Gerald Dunkel-Schwarzenberger (Präsident Verband alpiner Vereine Österreichs), Wolfgang Schnabl (Präsident Österreichischer Alpenverein) und Andreas Schieder (Vorsitzender Naturfreunde Österreich) erstmals gemeinsam Bilanz über die Folgen des Klimawandels für den Bergsport. Dieser verändert Routen, Risiken und die alpine Infrastruktur. Bergsportler:innen, Vereine und Politik müssen darauf reagieren.
BERGSOMMER 2026: GLETSCHERSPALTENSTÜRZE FAST VERDREIFACHT
Wie sehr sich die Verhältnisse verändert haben, belegt die Bergunfallbilanz des Österreichischen Kuratoriums für Alpine Sicherheit (ÖKAS): Zwischen 1. Mai und 13. September 2026 wurden 19 Gletscherspaltenstürze, fast dreimal so viele wie im Zehnjahresmittel von sieben, registriert. Einer davon endete tödlich. Als Ursachen gelten langanhaltende Plusgrade in Höhen über 3.000 Metern, instabile Schneebrücken und ausgedehnte Blankeisflächen. Auf diesen kann aus einem Stolpern schnell ein Absturz in eine Gletscherspalte werden. Vielfach mussten Bergsteiger:innen neue Routen wählen, weil die bisherigen Wegempfehlungen nicht mehr hielten. Auch insgesamt liegt der Bergsommer 2026 deutlich über dem langjährigen Schnitt: 2.742 Menschen verunfallten beim Wandern, auf Hochtouren, beim Klettern und am Klettersteig, gegenüber 2.351 im Zehnjahresmittel. Die Zahl der Todesopfer erreichte in diesen vier Disziplinen mit 62 dagegen einen Tiefstwert (Zehnjahresmittel: 80).
„Der Berg hat sich verändert, und die Vorbereitung vieler Bergsteigerinnen und Bergsteiger hält damit nicht Schritt. Wenn Zustiege über Blankeis führen und Schneebrücken nicht mehr halten, reicht die Erfahrung von gestern nicht mehr. Wir brauchen Tourenbeschreibungen und Weginformationen, die den aktuellen Zustand abbilden und die Menschen dort erreichen, wo sie ihre Tour planen – und eine langfristig gesicherte alpine Infrastruktur“, sagt GERALD DUNKEL-SCHWARZENBERGER, PRÄSIDENT DES VERBANDS ALPINER VEREINE ÖSTERREICHS.
GLETSCHERSCHWUND AM DACHSTEIN: WEGE UND HÜTTEN VERLIEREN IHRE GRUNDLAGE
In den Alpen steigen die Temperaturen mehr als doppelt so schnell wie im globalen Mittel: 2024 lag die Jahrestemperatur in Österreich um 3,1 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau, seit den 1980er-Jahren kommt ein halbes Grad pro Jahrzehnt dazu. Die Folgen: Bis zum Ende des Jahrhunderts werden die kleinen und mittleren Alpengletscher verschwunden sein, die Fläche der großen nimmt massiv ab. Wie schnell das geht, zeigen Messungen vom Gletschermessdienst des Österreichischen Alpenvereins und von Georesearch im Auftrag des Alpenverein Austria in dessen Arbeitsgebiet am Dachstein. Seit 1850 hat sich die Gletscherfläche um rund 70 Prozent verringert. Allein zwischen 2006 und 2025 verloren der Hallstätter Gletscher, der Schladminger Gletscher und der Große Gosaugletscher 116 Millionen Kubikmeter Eis, was einem Verlust von 63 Prozent ihres Ausgangsvolumens entspricht. Bis 2050 ist mit einer weiteren Reduktion um rund 95 Prozent zu rechnen.
Für die Vereine ist das eine Planungsgrundlage: Über den Hallstätter Gletscher führen der Weg zum Dachstein-Gipfel sowie die Zustiege zur Seethalerhütte und zur Simonyhütte. Wo das Eis zurückgeht, müssen Routen neu angelegt, gesichert oder aufgegeben werden – und das laufend.
„Unsere Wege und Hütten wurden für einen Berg gebaut, den es in dieser Form nicht mehr gibt. Die Anpassung der alpinen Infrastruktur ist keine Aufgabe für kommende Generationen, sondern eine für das nächste Jahrzehnt“, sagt WOLFGANG SCHNABL, PRÄSIDENT DES ÖSTERREICHISCHEN ALPENVEREINS.
NEUE VERHÄLTNISSE VERLANGEN NEUES RISIKOMANAGEMENT
Damit verlieren auch Erfahrungswerte ihre Gültigkeit. Wer eine Hochtour nach dem Führerbuch von vor zehn Jahren plant, kalkuliert mit Schneeauflagen, die es im Sommer nicht mehr gibt. Firnfelder sind zu Blankeis geworden, Schneebrücken tragen früher im Jahr nicht mehr, Randklüfte öffnen sich weiter und der aufgeweichte Permafrost erhöht die Steinschlaggefahr an Wänden und Graten, die bisher als verlässlich galten. Die Konsequenzen: früherer Aufbruch, andere Ausrüstung und die Bereitschaft zur Umkehr werden zur Routine.
Dass sich die Risiken nicht nur im Hochgebirge verschieben, zeigt die Unfallstatistik: Bei mehr als der Hälfte aller terrestrischen Bergungen und Hubschraubereinsätze lag weder ein medizinischer noch ein unfallbedingter Auslöser vor. Gerufen wurde, weil Menschen nicht mehr weiterkamen. Bei den unverletzt Geretteten waren Erschöpfung mit 28 Prozent und Verirren oder Versteigen mit 26 Prozent die häufigsten Gründe. Dahinter stehen zunehmende Hitzebelastung, längere Anstiege bei fehlendem Schatten und eine Selbsteinschätzung, die mit den tatsächlichen Bedingungen nicht Schritt hält. Alpines Risikomanagement heißt daher nicht nur, Gefahren im Gelände zu beurteilen, sondern auch die eigenen Reserven, den Wasserbedarf und die Tageszeit realistisch einzuplanen. Alpenverein und Naturfreunde reagieren darauf in ihrer Kernkompetenz, der Ausbildung, und aktualisieren laufend Tourenbeschreibungen und Wegeinformationen.
„Unser Bewegungsraum ist zugleich Lebensraum. Wer die Berge liebt, trägt auch Verantwortung dafür, sie zu schützen – mit guter Ausbildung, Rücksicht auf sensible Lebensräume und einem Bergsport, der klimafit in die Zukunft geht. Verlässliche Information gehört dazu, und die ist nur so gut wie die Wege, Markierungen und Hütten, auf die sie sich bezieht“, sagt ANDREAS SCHIEDER, VORSITZENDER DER NATURFREUNDE ÖSTERREICH.
HÜTTEN OHNE WASSER, WEGE IN GEFAHR
Am unmittelbarsten spüren die alpinen Vereine den Klimawandel beim Wasser. Längere Trockenperioden, unergiebige Niederschläge und der Rückgang von Schneefeldern und Gletschern als natürliche Speicher treffen vor allem hochgelegene Hütten. Trinkwasser ist das wichtigste Versorgungsthema am Berg, denn beim Strom lässt sich improvisieren, beim Wasser nicht. Wasserknappheit war in diesem Sommer eine neue, schmerzliche Herausforderung: Nicht alle Hütten konnten sie bewältigen, einzelne mussten schließen. Neu gefasste Quellen, größere Zisternen, Regenwassernutzung und Trockentoiletten sind für die hüttenbesitzenden Sektionen und Ortsgruppen finanzielle Mammutaufgaben.
Ähnlich angespannt ist die Lage bei den Wegen: Rund 50.000 Kilometer halten Österreichs alpine Vereine instand – größtenteils ehrenamtlich. Müssten diese Arbeitseinsätze entlohnt werden, bliebe für die technische Instandhaltung der Hütten und für Investitionen kein Geld mehr übrig. Dabei sind die Baukosten in den letzten zehn Jahren um 48,6 Prozent gestiegen, im Hochgebirge noch deutlich stärker. Gleichzeitig verursacht Extremwetter immer häufiger Schäden, tauender Permafrost löst Steinschlag und Felsstürze aus und die Haftungspflichten der Wegehalter wachsen. Was auf dem Spiel steht, ist mehr als Freizeitinfrastruktur: 422 Schutzhütten, 272 davon in alpiner Lage – Rückzugsort bei Schlechtwetter, Fundament des Tourismus und Meldestelle für alpine Notfälle. Nahezu keine Hütte kann ihre Instandhaltung aus dem laufenden Betrieb finanzieren. Drei bis vier Hütten pro Jahr können die Vereine im Schnitt nicht mehr weiterführen, einzelne Wege müssen gesperrt oder aufgelassen werden.
Die Vereine wollen aber nicht nur die Folgen abfedern, sondern auch bei den Ursachen ansetzen. Der Alpenverein hat sich mit seiner 2024 beschlossenen Klimastrategie das Ziel gesetzt, bis 2033 klimaneutral zu werden. Eine erste Treibhausgas-Gesamtbilanz soll noch heuer die größten Einsparpotenziale sichtbar machen. Erwartet werden sie vor allem bei Mobilität, Hüttenbetrieb und Beschaffung. Bei den Naturfreunden zeigt eine aktuelle Treibhausgas-Bilanz Einsparpotenziale von rund 4.100 Tonnen CO₂e pro Jahr, fast die Hälfte davon aus dem Hüttenbetrieb. Auf dieser Grundlage entsteht derzeit eine Klimastrategie, deren Maßnahmen ab dem kommenden Jahr umgesetzt werden.
Wie groß der Rückhalt für den Erhalt der alpinen Infrastruktur ist, hat die Kampagne „Notruf aus den Alpen“ gezeigt: Über 105.000 Menschen unterzeichneten die Petition. Das Anliegen wurde im Regierungsprogramm verankert und die Fördermittel wurden für 2026 und 2027 auf insgesamt 15,44 Millionen Euro erhöht. Die Gespräche mit der Bundesregierung laufen weiter – entscheidend ist eine verlässliche Finanzierung über 2027 hinaus.
„Die Erhöhung der Fördermittel war ein wichtiges Signal, aber sie ist auf zwei Jahre befristet, während uns der Klimawandel dauerhaft mehr Schäden bringt. Wer Hütten und Wege erhalten will, muss langfristig planen können“, sagt DUNKEL-SCHWARZENBERGER. Der VAVÖ hält daher an seiner Forderung von 95 Millionen Euro über fünf Jahre fest. Der erhobene Investitionsbedarf liegt sogar bei 125 Millionen Euro.
ALPINISMUS IM WANDEL: ANTWORTEN FÜR DEN BERGSPORT VON MORGEN
Wie Bergsport unter diesen Bedingungen künftig aussehen kann, ist das Thema der Internationalen Bergtage Wien, die von 25. bis 27. September erstmals stattfinden. Den Auftakt bildet am Freitag die Verleihung des internationalen Alpinismuspreises der Paul Preuß Gesellschaft an den slowakischen Bergsteiger Igor Koller. Unter dem Titel „Alpinismus im Wandel“ diskutieren am Samstag Fachleute aus mehreren Ländern über Klimawandel, alpines Risikomanagement, klimafreundliche Mobilität und nachhaltigen Alpintourismus. Am Sonntag wird das 20-jährige Jubiläum der Kletterhalle Wien gefeiert. Veranstaltet werden die Bergtage vom Alpenverein Austria und den Naturfreunden Wien, getragen vom Verband alpiner Vereine Österreichs. Den Ehrenschutz übernimmt Bürgermeister und Landeshauptmann Michael Ludwig.
„Die Internationalen Bergtage Wien bringen den Alpinismus an einen seiner historischen Ausgangspunkte zurück und schaffen ein internationales Forum, um seine Zukunft unter veränderten klimatischen und gesellschaftlichen Bedingungen gemeinsam zu gestalten“, so FRIEDRICH MACHER, ERSTER VORSITZENDER DES ALPENVEREINS AUSTRIA UND MITBEGRÜNDER DER BERGTAGE.
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