LK NÖ/NGV/ETG/TGM: Ardo-Schließung gefährdet Zukunft der heimischen Tiefkühlgemüseproduktion

Rund 500 Gemüsebaubetriebe betroffen – gesamte Wertschöpfungskette im Marchfeld steht vor tiefgreifendem Einschnitt – Landwirtschaft fordert Klarheit über Zukunft des Standorts

DIE ANGEKÜNDIGTE SCHLIESSUNG DES PRODUKTIONS- UND VERPACKUNGSWERKS VON ARDO AUSTRIA FROST IN GROSS-ENZERSDORF TRIFFT DEN GEMÜSEBAU IM MARCHFELD MIT VOLLER WUCHT. RUND 500 MITGLIEDSBETRIEBE DER ERZEUGERORGANISATION TIEFKÜHLGEMÜSE (ETG) SIND TEIL EINER ÜBER JAHRZEHNTE AUFGEBAUTEN WERTSCHÖPFUNGSKETTE. AUF RUND 3.300 HEKTAR PRODUZIEREN DIE BETRIEBE GEMÜSE FÜR DIE VERARBEITUNG. MIT DEM AUS DES WERKS DROHT NICHT NUR PRODUKTIONSFLÄCHE VERLOREN ZU GEHEN: DIE ÜBER JAHRZEHNTE AUFGEBAUTE HEIMISCHE TIEFKÜHLGEMÜSEPRODUKTION SAMT KNOW-HOW, INFRASTRUKTUR UND ABSATZMÖGLICHKEITEN STEHT AUF DEM SPIEL.

Die Auswirkungen reichen weit über den Produktionsstandort hinaus. Der Verein Tiefkühlgemüse Marchfeld (TGM), ein Zweigverein des NÖ Gemüsebauverbandes (NGV), setzt sich für eine qualitätsorientierte Produktion von Verarbeitungsgemüse und gute Rahmenbedingungen für die Gemüsebaubetriebe ein. Die Erzeugerorganisation Tiefkühlgemüse (ETG) bündelt die Produktion von rund rund 500 Mitgliedsbetrieben, die überwiegend im Marchfeld wirtschaften, und beliefert als Hauptkunden Ardo Austria Frost GmbH. Ardo übernimmt am Standort Groß-Enzersdorf die Verarbeitung und Vermarktung des erzeugten Gemüses. Auf etwa 3.300 Hektar werden unter anderem Grünerbsen, Gemüsesoja, Buschbohnen, Spinat, Karotten, Kohlgemüse, Speisekürbis und Kräuter produziert. Allein 2025 wurden rund 40.000 Tonnen Rohware mit einem Warenwert von rund 18,5 Millionen Euro an Ardo geliefert. Hinzu kommen Arbeitsplätze bei der ETG selbst sowie bei Logistik- und weiteren Dienstleistungsunternehmen.

„Ardo ist jetzt gefordert, die Karten auf den Tisch zu legen. Hinter diesem Standort stehen rund 500 bäuerliche Betriebe und eine bäuerliche Genossenschaft, die über Jahrzehnte eine verlässliche Partnerschaft aufgebaut haben“, betont LORENZ MAYR, Vizepräsident der Landwirtschaftskammer NÖ. „Viele Betriebe haben im Vertrauen auf diese Zusammenarbeit erheblich investiert – in spezialisierte Erntemaschinen, moderne Technik und die Weiterentwicklung ihrer Gemüseproduktion. Sie brauchen jetzt rasch Klarheit darüber, wie es weitergeht und was mit den Anlagen am Standort geplant ist“, so Mayr.

EIN STANDORT, AN DEM INNOVATION ENTSTANDEN IST

Der Standort Groß-Enzersdorf ist seit Jahrzehnten eng mit dem Gemüsebau im Marchfeld verbunden. Seit 2008 wird das Werk von Ardo geführt. Gemeinsam mit den landwirtschaftlichen Betrieben wurden neue Kulturen und Produktionsverfahren entwickelt und aufgebaut. Ein Beispiel dafür ist Edamame: Der Anbau der ursprünglich vor allem aus Asien bekannten Gemüsesoja wurde im Marchfeld etabliert. Mittlerweile wird sie in der Region auf rund 900 Hektar kultiviert. Damit verbunden sind jahrelange Entwicklungsarbeit, spezialisiertes Wissen in Anbau und Ernte sowie hohe Anforderungen an Qualität und Lebensmittelsicherheit. Auch bei Kräutern wurde in den vergangenen Jahren investiert und eine spezialisierte Produktion aufgebaut. Gemeinsam mit heimischen Forschungs- und Kontrolleinrichtungen wurden Produktionsverfahren laufend weiterentwickelt.

„Im Marchfeld ist über Jahrzehnte weit mehr entstanden als eine Lieferbeziehung zu einem Verarbeitungsbetrieb. Hier wurde gemeinsam Wissen aufgebaut, es wurden neue Kulturen etabliert und höchste Qualitätsstandards entwickelt“, erklärt NGV-Obmann KARL AUER und sagt weiter: „Unsere Betriebe haben bewiesen, dass innovative Gemüseproduktion in Österreich möglich ist. Wenn die Verarbeitung wegfällt, verlieren wir nicht nur einen Abnehmer. Wir gefährden eine gesamte Produktionskette, die sich nicht von heute auf morgen wieder aufbauen lässt.“

AUS FÜR DIE BLATTGEMÜSE-TIEFKÜHLPRODUKTION IM MARCHFELD

Besonders einschneidend wäre die Schließung für die Blattgemüseproduktion. Ohne den Verarbeitungsstandort in Groß-Enzersdorf fällt die zentrale regionale Infrastruktur für die Tiefkühlverarbeitung weg. Damit steht die bisherige Tiefkühlproduktion von Blattgemüse im Marchfeld vor dem Aus. Für die Gemüsebaubetriebe bedeutet das eine massive Zäsur. Die Produktion von Verarbeitungsgemüse erfordert langfristige Planung, spezielle Maschinen und Technik sowie exakt auf die Verarbeitung abgestimmte Ernte- und Logistikprozesse. Viele dieser Investitionen wurden im Vertrauen auf eine langfristige Zusammenarbeit getätigt.

Mayr unterstreicht die Bedeutung der heimischen Produktion: „Es kann nicht sein, dass eine über Jahrzehnte aufgebaute heimische Gemüseproduktion wegbricht und künftig gleichzeitig verstärkt Gemüse aus anderen Ländern nach Österreich geliefert wird. Wir werden uns mit aller Kraft dafür einsetzen, dass Produktion und Wertschöpfung in Österreich erhalten bleiben. Es geht um die Zukunft bäuerlicher Familien und ihrer Betriebe, aber genauso um Arbeitsplätze, regionale Wertschöpfung und die Versorgung mit heimischen Lebensmitteln.“

„Was hier auf dem Spiel steht, ist die Zukunft der heimischen Gemüseproduktion. Es geht um Betriebe, Arbeitsplätze und Investitionen – aber auch um Wissen, Erfahrung und eine regionale Lebensmittelproduktion, die über Jahrzehnte aufgebaut wurde“, so Auer.

NACH ZUCKERFABRIK DROHT DER NÄCHSTE PRODUKTIONSZWEIG WEGZUBRECHEN

Für das Marchfeld ist die angekündigte Schließung auch strukturell ein schwerer Einschnitt. Nach dem Ende der Zuckerproduktion in Leopoldsdorf droht nun ein weiterer bedeutender Verarbeitungsstandort für landwirtschaftliche Rohstoffe aus der Region verloren zu gehen. Der Niederösterreichische Gemüsebauverband, Tiefkühlgemüse Marchfeld, die Erzeugerorganisation Tiefkühlgemüse und die Landwirtschaftskammer Niederösterreich fordern daher rasch Klarheit über die konkreten weiteren Schritte und Perspektiven für den Standort. Entscheidend ist, alle Möglichkeiten auszuloten, um Verarbeitungskapazitäten, Produktion und das über Jahrzehnte aufgebaute Know-how im Marchfeld und damit in Österreich zu erhalten.

DI Christina Spangl
Pressesprecherin Landwirtschaftskammer Niederösterreich
Telefon: 05 0259 28101
Mobil: 0664 60 259 28101
E-Mail: christina.spangl@lk-noe.at

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