fbpx

Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 23. Mai 2020. Von PETER NINDLER. „Eine jahrzehntelange Zitterpartie“.

Innsbruck (OTS) – Obwohl der Brennertunnel seit 2009 gebaut wird, dürfte er auch in den nächsten Jahren die Politik und die öffentliche Kon-trolle beschäftigen. Von den Zulaufstrecken bis zur Bauzeit und den damit verbundenen Kosten sind viele Fragen noch offen.

Dass der Brennerbasistunnel erst 2030 in Betrieb gehen könnte, kommt nicht überraschend. Zuletzt gab es in der österreichisch-italienischen Tunnelgesellschaft zu viele Reibungsverluste, die weniger mit technischen, sondern vielmehr mit grenzüberschreitenden Problemen zu tun hatten. Acht Monate nach dem Crash im Vorstand offenbart der Bundesrechnungshof jetzt die Motive für die gegenseitige Blockade. So wurden Bauprogramme nicht genehmigt, bei der bahntechnischen Ausrüstung prallten massive Auffassungsunterschiede aufeinander. Vor allem der ehemalige italienische Tunnelvorstand ließ nichts unversucht, um seinen Kollegen in Innsbruck auflaufen zu lassen. Der Vortrieb steckte im Tunnel fest, am Ende mussten Raffaele Zurlo und Konrad Bergmeister gehen.
Denn zu viel steht mit dem Prestigeprojekt auf dem Spiel. Insbesondere die Tiroler Verkehrspolitik, die bis zur Fertigstellung des Brennertunnels den Lkw-Transit auf eine Million Fahrten reduzieren möchte. Natürlich geht es auch ums Geld, nicht weniger als 9,3 Milliarden Euro soll der Tunnel aktuell kosten. Jede Verzögerung verschlingt zusätzliche Zigmillionen Euro, deshalb zogen die Eigentümer im Herbst notgedrungen die Reißleine in der Vorstandsetage. Schließlich sind unabhängig vom Streit in der Gesellschaft noch zahlreiche technische Risiken beim Rohbau, bei der Ausrüstung oder der Inbetriebsetzung zu überwinden.
Seit März wird das Bauprogramm für den 55 Kilometer langen Tunnel angepasst, die Corona-Pandemie bedeutet für das Vorhaben ebenfalls einen Einschnitt. Erst langsam wurden die Arbeiten Mitte April wieder hochgefahren. Zu guter Letzt stehen hinter den Zulaufstrecken in Italien und in Bayern mehr Fragezeichen als konkrete Antworten. In Deutschland rechnet wohl niemand mehr damit, dass der notwendige Schienenausbau im bayerischen Inntal vor 2050 fertig gestellt wird. Zu verfahren ist der Karren mit den Gemeinden und Bürgerinitiativen. Die Südtiroler sind schon wesentliche Schritte weiter, aber noch weit von der Realisierung entfernt.
Ohne die Zulaufstrecken, und darauf hat der Europäische Rechnungshof bereits hingewiesen, bleibt der Ausbau der Bahnstrecke München–Verona „ein nationaler Fleckerlteppich“. Eine bittere Erkenntnis zehn Jahre nach Baubeginn. Deshalb wird der Brennerbasistunnel auch in den nächs­ten Jahren eine Zitterpartie sein. Von der Bauzeit über die Kosten, den Zulauf bis hin zur Verlagerung des Schwerverkehrs auf die Schiene sind viele Herausforderungen zu bewältigen – aber zahlreiche Fragen noch ungelöst.

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS. www.ots.at
© Copyright APA-OTS Originaltext-Service GmbH und der jeweilige Aussender

Das könnte dir auch gefallen

Diese Website verwendet Cookies, um Ihre Erfahrung zu verbessern. Wir gehen davon aus, dass Sie damit einverstanden sind, aber Sie können dies deaktivieren, wenn Sie möchten. Akzeptieren Weiterlesen

%d Bloggern gefällt das: